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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2015
Mitten unter uns
Sklaverei ist längst nicht ausgestorben
Der Inhalt:

Stückgut in Europa

von Barbara Tambour vom 24.04.2015
Die jüngste Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer macht deutlich: Widerstand gegen das europäische Asylsystem ist dringend geboten

So hatte sie sich Europa nicht vorgestellt: Als die junge Eritreerin Feben und ihre drei Jahre alte Tochter mit einem überfüllten Flüchtlingsboot Lampedusa erreichten, warteten Soldaten und Polizisten am Strand. Ein Soldat schlug die junge Mutter so gegen den Hals, dass sie ohnmächtig wurde. Als sie zu sich kam, hatten Männer ihre Tochter mitgenommen. Ihr wurde gesagt, sie dürfe sie erst wiedersehen, wenn sie sich mit Fingerabdrücken registrieren lasse. Das tat die 24 Jahre alte Mutter. Doch erst nach drei Tagen bekam sie das Mädchen wieder gebracht.

Von Lampedusa wurden sie in ein Flüchtlingscamp auf Sizilien gebracht. Dort hausten sie zu sechst in einem kleinen Raum, ausgestattet mit vier Matratzen auf dem Fußboden. Toiletten und Duschen waren – wie alle Räume – nicht abschließbar. Aus Angst vor nächtlichen Übergriffen männlicher Bewohner schlief die Mutter kaum. Bei der zentralen Essensausgabe gingen sie und ihre Tochter immer wieder leer aus. Als beide krank wurden, erhielten sie keine medizinische Hilfe.

Feben, die in Wirklichkeit anders heißt, hielt es auf Sizilien nicht länger aus. Nach einem Jahr machte die junge Eritreerin sich mit ihrer Tochter auf den Weg nach Rom und traf dort den Landsmann wieder, mit dem sie sich im Camp angefreundet hatte und von dem sie schwanger war. Zu dritt fuhren sie nach Deutschland, beantragten Asyl und wohnen seit acht Monaten in einer Flüchtlingsunterkunft nahe Frankfurt am Main. Dort wurde das Baby geboren, die Tochter besucht den Kindergarten, die Eltern beginnen Deutsch zu lernen.

Doch das Leben, das sie sich hier aufbauen, kann jederzeit vorbei sein. Denn nach geltendem Recht muss die Familie zurück nach Italien. Laut Dublin-III-Abkommen ist einzig das EU-Land für das Asylverfahren zuständig, das der Flüchtling als Erstes betritt. »Das Dublin-System ist unsolidarisch, ungerecht und unmenschlich«, kommentiert Pro Asyl. Flüchtlinge würden wie Stückgut behandelt. Weil Europa ihnen kaum Wege der legalen Einwanderung bietet, nehmen viele den gefahrvollen Weg übers Mittelmeer auf sich. Knapp tausend Flüchtlinge ließen bei den zwei jüngsten Schiffsunglücken ihr Leben. Und selbst wenn sie es bis hierher schaffen, bleibt die Angst. Feben sorgt sich, zurück nach Italien zu müssen. »Was wird aus den Kindern, wenn sie in solch einem Camp oder auf der Straße aufwachsen müssen?«

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