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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2015
Mitten unter uns
Sklaverei ist längst nicht ausgestorben
Der Inhalt:

Der Pfarrer und sein Handy

von Eric Breitinger vom 24.04.2015
Der eritreische Priester Mussie Zerai lebt in der Schweiz. Er hat Tausenden Bootsflüchtlingen das Leben gerettet

Sein Mobiltelefon lässt er in der Sakristei. Ein Helfer holt ihn, wenn ein Notruf hereinkommt. Pfarrer Mussie Zerai zelebriert mit einem weißen Käppi auf dem Kopf, das Priester im ostafrikanischen Eritrea bei der Messe tragen. Er betet auf Geez, der altäthiopischen Liturgiesprache. Sein Bass erfüllt die Kirche Sankt Josef in Solothurn. Dann stimmt er den Liturgiegesang Ziema an, seine Gemeinde fällt mit ein. Die Morgensonne taucht für einen Moment das Kruzifix im Chor in strahlend helles Licht. Das dürfte Zerai gefallen.

In der zweiten Bank sitzt ein Mann in blauer Windjacke. Er stellt sich später als Jacob vor, ist 29 Jahre alt und guter Stimmung: Sieben Monate nach seiner Rettung begegnet er heute erstmals seinem Lebensretter. Pfarrer Zerais markanten Bass hatte er schon auf hoher See aus dem Satellitentelefon dröhnen hören: »Bleibt ruhig, Hilfe kommt, bleibt ruhig.«

Jacob trieb damals mit 300 Flüchtlingen auf dem Mittelmeer, der Bootsmotor war kaputt. Sie saßen dichtgedrängt. Es herrschte Angst. Jacob war 28 Tage durch die Sahara gefahren und fast verdurstet. 1700 Dollar hatte er an Schlepper bezahlt. Er hatte keine andere Wahl, als er nach drei Jahren Haft und Folter aus Eritrea geflohen war. Human Rights Watch wirft dem Regime von Diktator Isaias Afewerki in Eritrea schwerste Menschenrechtsverletzungen vor.

An vielen Tagen läutet Zerais Handy dauernd. Seit Oktober 2011 betreut er im Auftrag des Vatikans die 6000 eritreischen und äthiopischen Katholiken in der Schweiz. Mehrere Zehntausend Flüchtlinge in Seenot hat der vierzigjährige Pfarrer bisher gerettet. Wie viele exakt, weiß er nicht. Allein 2014 starben im Mittelmeer laut Angaben von Flüchtlingsorganisationen 3600 Migranten.

Mussie Zerai hinterließ seine Handy-Nummer Freunden in Eritrea, als er 2003 seine Großmutter verließ. Sie hatte ihn und die sieben Geschwister aufgezogen, nachdem die Mutter tot und der Vater vom Geheimdienst verschleppt worden war. Sie gab ihm auch den Glauben mit. Mit 16 Jahren ging er nach Rom, studierte Theologie und ließ sich 2010 zum Priester weihen. Dann erhielt Zerai erste Anrufe von Bootsflüchtlingen in Not. Seine Telefonnummer geht heute unter den Flüchtlingen aus Eritrea von Hand zu Hand.

Jetzt läutet sein Handy: die Nummer eines Satellitentelefons. Zerai sagt »Selam« und hört hochkonzentriert zu

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