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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2015
Mitten unter uns
Sklaverei ist längst nicht ausgestorben
Der Inhalt:

Mitten unter uns

Sklaverei – ein Phänomen aus Geschichtsbüchern? Mitnichten. Menschenhandel und Lohnsklaverei sind auch heute noch verbreitet, und das nicht nur in weit entfernten Ländern. Ein Lagebericht

Ein Fleischerei-Betrieb im Oldenburger Land: Hier arbeitet ein Rumäne, nennen wir ihn Vadim. Der junge Mann ist nach Deutschland gekommen, um eine Arbeit zu finden und etwas Geld zu verdienen. Doch was er hier erhält, ist ein Hohn: 4,89 Euro netto Stundenlohn, er arbeitet rund sechzig Stunden in der Woche. Ein Teil des Geldes muss Vadim noch abgeben. An den Mann, der ihn mit dem Van zur Arbeit bringt. An den, von dem er die Arbeitskleidung bekommen hat. Und natürlich an den Vermieter, der die 270 Euro kassiert, die Vadim für die Bruchbude zahlt, in der er haust. Winzig klein ist sie, mit einem Bett vom Sperrmüll und einem alten, klapprigen Stuhl. Doch wenigstens hat er sein eigenes Bett. Sein Freund Emilian muss sich eines teilen. In den vier Betten in seinem Zimmer schlafen acht Männer. Immer abwechselnd, Schichtarbeit eben.

Neulich war Vadim krank. Aber er durfte nicht zum Arzt, sonst wäre ihm gekündigt worden. Und er braucht das Geld. Seine Mutter in Rumänien wartet sehnsüchtig darauf. Auf dem Weg zur Arbeit hat Vadim gesehen, wie Deutsche demonstrieren. Weil die Hühner so wenig Platz haben. »Man muss hier von moderner Sklaverei sprechen«, sagt der katholische Geistliche Peter Kossen, der im selben Ort lebt. Und das bezieht der Prälat nicht auf die Hühner. Sondern auf die Menschen. »So viel Leid und Elend mitten unter uns. Warum regen sich nicht mehr Leute darüber auf?«, fragt er.

Vielleicht, weil wir alle davon profitieren. Nicht nur, indem wir billiges Fleisch kaufen. Was auf unseren Tellern landet, auf den Schreibtischen und in den Schränken, könnten Schokolade, Computer und Kleider sein, in denen der Schweiß der Ausgebeuteten steckt. Wer ausrechnen will, wie viele Sklaven sie oder er am heutigen Tag beschäftigt hat, kann das unter www.slaveryfootprint.org tun. Zugegeben: Dafür braucht es ein wenig Überwindung. Und wenn am Ende auf dem Bildschirm die Zahl erscheint, ist das ein kleiner Schock.

Mehr als 21 Millionen Sklaven weltweit

Denn es geht hier nicht nur um schlechte Arbeitsverhältnisse und Niedriglöhne. Es geht um Freiheitsberaubung. Um Männer, Frauen und Kinder, die unter absoluter Kontrolle stehen, die ausgebeutet und notfalls mit Gewalt gefügig gemacht werden. Das sind laut dem US-amerikanischen Soziologen und Sklaverei-Experten Kevin Bales die Kriterien moderner Leibeigenschaft. Mensche

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