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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2015
Mitten unter uns
Sklaverei ist längst nicht ausgestorben
Der Inhalt:

»Ich bin Jennifer«

von Annette Lübbers vom 24.04.2015
Sie ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers – und die Enkelin des KZ-Kommandanten Amon Göth. »Er hätte mich erschossen«, sagt Jennifer Teege über ihren Großvater

Jennifer Teege ist eine Frau, die man in diesem kleinen Café in der Hamburger Innenstadt nur schwer übersehen kann: groß gewachsen, schlank, lange braune Haare, dunkle Augen, gebräunter Teint. Ihr Aussehen verdankt die studierte Werbetexterin ihrer Herkunft als Tochter einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters.

Herkunft: Das ist ein Wort, über das viele Menschen selten nachdenken. Jennifer Teege hat es getan. Länger als andere. Gründlicher als andere. Analytischer als andere. Und dafür hatte die 44-Jährige einen guten Grund: Zu ihrer Herkunft gehört ein Mann, dessen Lebensgeschichte keiner Biografie zum Vorteil gereicht. Sein Name: Amon Göth. Der Kommandant des Konzentrationslagers Plaszów in Polen. Der Menschenschinder und Sadist.

In »Schindlers Liste«, dem Meisterwerk von Steven Spielberg, spielt Ralph Fiennes den wahllos mordenden Narzissten. Unvergesslich die Filmszene, in der Fiennes als Göth auf dem Balkon seiner Villa steht und willkürlich Gefangene erschießt. Amon Göth, der 1946 als Kriegsverbrecher in Polen gehenkt wurde, ist der Großvater von Jennifer Teege.

Nachdenklich und mit gesenktem Blick rührt Jennifer Teege an diesem kalten Frühjahrstag in ihrem heißen Tee mit Ingwer und Minze. Vorsichtig nimmt sie einen Schluck, stellt das Glas wieder ab, blickt ihr Gegenüber erwartungsvoll und konzentriert an.

Mit einem ähnlich intensiven Blick sucht sie den Kontakt zu ihren Besuchern während ihrer Lesungen, mit denen sie seit Erscheinen ihres Buches »Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen« im September 2013 durchs Land tourt. Ein offener, ein freier, ein selbstbewusster Blick. So, als wolle sie sagen: Ich habe keinen Grund, die Augen zu senken. Mein Großvater ist mein Großvater. Und ich bin ich.

Jennifer Teege erinnert sich gut an das Bild von Amon Göth, das, solange ihre Großmutter lebte, über deren Bett hing. Das schwarz-weiße Foto eines gut aussehenden, stattlichen Mannes in Uniform. Großmutters verlorener Traummann.

Viele Hundert Male hat sie es gesehen, ohne etwas über diesen Mann zu wissen. Bis sie an einem Tag im Jahr 2008 in der Hamburger Zentralbibliothek ein Buch mit einem roten Einband aus dem Regal zieht. Sie überfliegt den Titel: »Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?« Das klingt interessant, aber erst der Untertitel elektrisiert Jennifer Teege: »Die Leb

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