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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2015
Mitten unter uns
Sklaverei ist längst nicht ausgestorben
Der Inhalt:

Erbengemeinschaft

vom 24.04.2015
Kolumne von Anne Lemhöfer:

Es gibt im Englischen den Ausdruck »elephant in the room«. Der sprichwörtliche Elefant kann eigentlich von jedem gesehen werden – klare Sache, bei der Körper größe –, aber dennoch will niemand über ihn reden.

Ein solcher Elefant ist das Thema Erben. Die Journalistin Julia Friedrichs hat gerade in einem Buch beschrieben, wie viel Geld derzeit vermacht und verschenkt wird: In den Vermögensabteilungen der Banken rechnet man laut Friedrichs damit, dass in den kommenden zehn Jahren in Deutschland zwischen zwei- und viertausend Milliarden weitergereicht werden. (Zum Vergleich: Griechenlands Schulden belaufen sich auf 320 Milliarden.) Ein gigantischer Vermögenstransfer, der die Gesellschaft nicht nur im Privaten prägt.

Meine Freundin Jule zum Beispiel freut sich, dass sie in ihrem Gründerzeitviertel an jedem Tag in der Woche in einem anderen veganen Café Mandelmilch-Cappuccino trinken kann. Diese Örtlichkeiten werden oft von Gruppen junger Mütter besucht, gerne ganze Vormittage lang und gerne, ohne mehr als ein Getränk mit krümeligem Lactose-Ersatz zu bestellen. Es kommen auch »Der-Freitag«-lesende Hornbrillenträger, die drei Stunden in einem Ingwertee rühren. Solche Cafés rechnen sich selten; sie sind Liebhaberprojekte sympathischer Menschen, die sympathische Dinge mit sechsstelligen Summen tun, die irgendwann plötzlich da waren.

Macht ja nichts, im Gegenteil.

Danke, alte Bundesrepublik, für solche Oasen urbanen Lebens, für Papierläden, inhabergeführte Biobäckerlädchen und Galerien, die dem rauen Wind des freien Marktes nicht trotzen müssen. Aber sollten wir nicht offen darüber reden, wie so etwas möglich ist? Anstatt die »entspannte Lebenseinstellung« der »Generation Y« zu loben, denen das liebenswert-schräge Café mehr bedeutet als eine Festanstellung in der Anzugträgerbranche?

Lässigkeit muss man sich leisten können. Wie zum Beispiel die Angehörigen der »digitalen Bohème«, einer Szene, in deren euphorischer Beschreibung Kulturanthropologen den Elefanten »Erbe« hartnäckig ignorieren.

Es handelt sich dabei um Menschen in den Dreißigern, die mit ihren MacBooks tagsüber die Cafés der großstädtischen In-Viertel bewohnen, dabei das Internet beackern, Apps entwerfen und sich Drehbücher ausdenken – ohne zu wissen, ob dabei auch nur ein einziger Euro herausspringt. Ge

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