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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2015
Mitten unter uns
Sklaverei ist längst nicht ausgestorben
Der Inhalt:

»Eine andere Kaste«

von Heike Baier vom 24.04.2015
Sozialprotokoll: Arbeiterkind: Sein Vater war Maurer, die Mutter ging putzen. Pascal Lauria hat es dennoch geschafft zu studieren

Wenn ich heute hier sitze – in diesem schicken Büro als Chef meines eigenen Start-ups – und überlege, wie ich es bis hierher schaffen konnte, fällt mir ein wichtiges Erlebnis ein: Ich war in der zweiten Klasse, und meine Eltern machten mit uns einen Ausflug zum Frankfurter Flughafen. Da durfte ich in einem echten Cockpit sitzen, sah die ganzen Hebel und Knöpfe und wusste ab dem Tag: Ich möchte einmal Pilot werden. Als ich erfuhr, dass man dazu Abitur braucht, war für mich klar, dass ich aufs Gymnasium gehen will. Das war überhaupt nicht das, was meine Eltern für mich vorgesehen hatten: Ich sollte eine Ausbildung machen und dann Maurer werden – wie mein Vater. Die Idee von Abitur oder gar Studium existierte gar nicht. Akademiker waren für meine Eltern wie Menschen einer anderen Kaste, denen man mit größter Ehrfurcht begegnete, zu deren Welt man aber keinerlei Zutritt hatte.

Meine Eltern waren in den 1960er-Jahren als süditalienische Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Mit Fleiß hatten sie sich was erarbeitet – mein Vater konnte unser Haus selbst bauen, und meine Mutter ging putzen. Wir waren also nicht arm, und doch war es bei uns anders als bei meinen Freunden aus gutbürgerlichen Verhältnissen, die von ihren Eltern zum Tennis gebracht wurden: In unserem Haus gab es keine Bücher, ehrlich gesagt. Die einzige Lektüre meines Vater war »La Gazzetta dello Sport«. Briefe las ich meinen Eltern vor. Für meine Noten interessierte sich zu Hause keiner. Brachte ich eine Fünf nach Hause, war es egal. Hatte ich eine Eins, genauso – und das empfand ich als frustrierend, weil ich doch hart dafür arbeitete. Am Ende der Förderstufe bekam ich nur eine Empfehlung für die Realschule. Meine Eltern hätten diese Entscheidung der Lehrerin niemals hinterfragt – schließlich war sie eine Respektsperson.

Aber ich verglich mein Zeugnis mit dem meines besten Freundes, des Sohnes eines Akademikers. Trotz gleicher Noten hatte er eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen! Ich forderte von meiner Mutter, zu meiner Lehrerin zu gehen und dasselbe für mich zu erreichen.

Ich finde, im deutschen Schulsystem wird viel zu früh sortiert, und die wenigsten Arbeiterkinder haben so ein Ziel vor Augen wie ich damals. Dann haben sie auch niemanden, der sie von außen pusht. Arbeitereltern sagen ja meist: Eine Ausbildung ist doch auch etwas Gutes.

Ich habe über vierzig Cousins und Cousi

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