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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2015
Mitten unter uns
Sklaverei ist längst nicht ausgestorben
Der Inhalt:

Das Recht des Stärkeren

von Klemens Ludwig vom 24.04.2015
Hundert Jahre nach der Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich streiten Türken und Deutsche immer noch über diesen Völkermord

Am Anfang stand ein großes Ziel: Turan, ein türkisches Großreich, das von der Adria bis China reichen und alle turkstämmigen Völker umfassen sollte. Davon träumten die Jungtürken. Sie hatten am 24. Juni 1908 den letzten Sultan des schwächelnden Osmanischen Reiches abgesetzt. Am Ende stand ein vergleichsweise kleiner türkischer Nationalstaat – mit einer religiös homogenen Bevölkerung. Dies war die Folge des ersten Völkermords des 20. Jahrhunderts. Ihm waren alle christlichen Völker dieser Großregion zum Opfer gefallen: die Armenier, die Assyrer und die Griechen.

Die Verbrechen werden von der Türkei bis heute als bedauerliche Begleiterscheinung des Ersten Weltkriegs gedeutet. Dabei ließen die Jungtürken nie einen Zweifel an ihrer Motivation: »Auf die Christen ist kein Verlass. Da die europäischen Mächte türkische Angelegenheiten immer durch die christliche Brille sehen, müssen alle Anstrengungen unternommen werden, die Propaganda der christlichen Nationen zu zerschlagen«, sagte der Chefideologe des Jungtürkischen Komitees für Einheit und Fortschritt, Bahettin Sakir, auf dem Jahreskongress 1910 in Thessaloniki. Ein Jahr später erklärte er: »Die Nationen in unserem Reich, die aus den alten Zeiten stammen (die Christen, Anm. d. Redaktion), sind wie fremdes und schädliches Unkraut, das ausgerottet werden muss.«

Damals stellten die Christen knapp ein Drittel der Bewohner der heutigen Türkei, die meisten davon Griechen, die dort seit 3000 Jahren lebten. Sie ahnten nichts von der Gefahr oder wollten sie nicht wahrhaben; vergleichbar der Reaktion vieler Juden zu Beginn der Naziherrschaft.

Eine fatale Fehleinschätzung, denn der Erste Weltkrieg bot den Jungtürken die Gelegenheit, ihre Ideologie in die Tat umzusetzen. Am 24./25. April 1915, eine Woche nach Ostern, wurde die armenische Elite in Konstantinopel – 2345 Politiker, Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler und Geistliche – verhaftet, deportiert und ermordet. Es war der Auftakt von »Mets jerern« (des »Großes Verbrechens«), wie die Armenier den Völkermord nennen. Die meisten der etwa 1,5 Millionen armenischen Opfer starben, indem sie in lebensfeindliche Wüstengebiete deportiert wurden. »Ein schwarzer Strom ergoss sich gen Süden, versickert allmählich im Sand«, schrieb der armenische Dichter Wahan Tekejan später. Die einzige Chance, der Vernichtung zu entkommen, w

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