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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2015
Mitten unter uns
Sklaverei ist längst nicht ausgestorben
Der Inhalt:

Das andere Gesicht

von Stefan Körner vom 24.04.2015
Mit Friedensgebeten gegen Hass und Gewalt: Ein Porträt des Tröglitzer Pfarrers Matthias Keilholz

Der Rücktritt des Ortsbürgermeisters Markus Nierth war keine vier Wochen her, das Dorf sammelte sich, nordete sich ein. Und als Ruhe einkehrte, ein bisschen wenigstens, brannte das Dach. Das Dach jenes Hauses, in dem die Flüchtlinge unterkommen sollten. Die Friedensgebete, die immer mehr Teilnehmer anzogen, seit im Januar die Demonstrationen gegen Flüchtlinge begonnen hatten, schienen mit einem Mal verhallt. Tröglitz war auf dem Weg, von einem kleinen Örtchen bei Zeitz in Sachsen-Anhalt zu einem Synonym zu werden. Tröglitz klang jetzt nach Härte, Kälte und Hass. Und inmitten dessen versucht Matthias Keilholz, der evangelische Pfarrer mit den kurzen grauen Haaren und dem jungenhaften Lachen – ja was eigentlich? Zunächst einmal nicht im Mittelpunkt zu stehen.

»Die anderen, über die müssten Sie schreiben«, sagt er. Über die Stillen, die Unauffälligen. Über die Menschen, die den Ofen in der Kirche anheizen. Zwei Stunden, bevor die Friedensgebete beginnen. Auch das sei Gesicht zeigen. Die Friedensgebete hat er fortgesetzt. Jetzt erst recht. Doch er möchte von denen reden, auf die es eigentlich ankommt. Die, die sich – dem Brand zum Trotz – immer mehr auf den Weg machen. Die nun in noch größerer Zahl zum Friedensgebet kommen. Oder bei der Bürgerinitiative mitarbeiten, die sich nach dem Rückzug des Bürgermeisters gebildet hat. Sie überlegen, wie sie die Flüchtlinge willkommen heißen können. Jetzt erst recht!

»Tröglitz kann nur selbst das Bild von sich ändern«, sagt Matthias Keilholz. Und das macht der Ort, jetzt, nach der Beinahekatastrophe. Der Pfarrer findet, es passiert noch zu wenig. Aber er ist dankbar für das, was hier wächst. Auch wenn er über den Bürgermeister der Gemeinde und auch über die Landesbischöfin enttäuscht ist. Über ihn, weil er nichts sagt. Und über sie, weil sie sich erst sehr spät im Ort zeigen wird. Dafür kommen Menschen und beten, die den Glauben nicht teilen, aber die sich aufgehoben fühlen. Die schweigende Mehrheit, sie scheint langsam ihre Stimme zu finden. Und die Kirche hat die Kraft einer Stimmbildnerin. Hier, wo nur drei bis zehn Prozent zur Kirche gehen.

Im Jahr 2000 kam Matthias Keilholz aus Hessen hierher. Gemeinsam mit dem zurückgetretenen Bürgermeister Nierth. Der 51-jährige Theologe Keilholz, der in Hessen geboren wurde und in Marburg Theologie studierte, fand auf Anregung seines Freundes Nierth in Sachsen-Anhalt einen neuen Lebensmit

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