Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2013
Landraub
Der globale Kampf um Boden fordert Opfer
Der Inhalt:

»Wo bleiben die Töchter?«

von Britta Baas vom 26.04.2013
Frauenhass, Anmaßung, Angst: Warum die Religion versagt – und doch eine Zukunft hat. Fragen an den Theologen Frido Mann

Herr Professor Mann, gerade haben Sie ein Buch über das Versagen der Religion veröffentlicht. Worin versagt die Religion Ihrer Meinung nach?

Frido Mann: Religionen versagen sehr oft im Dialog. Sie versagen darin, ihre Versprechen von Geschwisterlichkeit und Liebe einzuhalten. Im Nahen Osten, der Wiege von Judentum, Christentum und Islam, haben die Religionen bei der Friedensstiftung bislang am offensichtlichsten versagt. Ich frage mich: Woher kommt das? Liegt dieses heutige Versagen in der Entstehungsgeschichte dieser Religionen begründet? In allen drei Fällen war sie ja geprägt von patriarchalen Herrschaftsstrukturen, einer fundamentalen Ungleichheit von Mann und Frau, von Gewalt. Besonders die Geringschätzung der Frau ist ein Merkmal aller monotheistischen Religionen. Schon im Schöpfungsbericht hat die Frau ein vom Mann abgeleitetes Leben; sie wird gemacht aus der Rippe Adams, und sie wird uns vorgeführt als die eigentlich Schuldige am Sündenfall. Den Kontext dieser Legende bildet eine patriarchale Männergesellschaft, die offenbar geprägt war von Kastrationsängsten. Dass das Christentum dann auf der Existenz eines Sohns Gottes fußt und nicht auf der einer Tochter, passt ins Bild. Man fragt sich schon: Wo bleiben die Töchter Gottes? Die Welt der Bibel ist uns heute nicht nur deshalb fremd; unser Denken ist insgesamt ein anderes. Trotzdem wird Gläubigen abverlangt, das damalige Weltbild in ihre Religiosität zu integrieren. Daraus entstehen Konflikte.

Aber es wäre doch möglich, die Geschichte weiterzuschreiben, oder? Schaffen es die Religionen nicht, die Kontexte ihrer Entstehung in die gegenwärtigen Kontexte zu überführen?

Mann: Leider nein. Diejenigen Menschen, die es versucht haben, sind über die Jahrhunderte hart bestraft worden, nicht wenige mit dem Tod. Aus der Gewalt entstand neue Gewalt. Im Grunde ist das Problem bis heute nicht gelöst, auch wenn sich der Glaube der Menschen mittlerweile vielfach freier entwickelt, als es die Machtstrukturen des Religiösen früher zuließen.

Was ist Glaube?

Mann: Glaube ist eine Tiefenerfahrung. Zunächst ist der Glaube etwas sehr Subjektives, das aber dann sprachliche Gestalt annimmt und damit kategorisch wird. Trotzdem ist dieser Glaube immer wieder zu hinterfragen, denn er gründet beständig neu in Erfahrung.

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen