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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2013
Landraub
Der globale Kampf um Boden fordert Opfer
Der Inhalt:

»Langsam wachen die Leute auf«

von Astrid Meyer vom 26.04.2013
Im Tschad unterstützen Christen und Muslime den Widerstand gegen den Landraub. Fragen an Pater Antoine Bérilengar, Leiter des Zentrums für Erwachsenenbildung CEFOD

Pater Bérilengar, wieso kommt es im Tschad zur unrechtmäßigen Landnahme?

Antoine Bérilengar: Landnahme ist im Tschad ein ganz neues Phänomen und hat verschiedene Gründe. Ein Grund ist die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, insbesondere die Erdölförderung. Gleichzeitig hat Land einen monetären Wert bekommen. Land ist teuer geworden, und die Leute kaufen Land als Geldanlage und Handelsgut. Auch in Regionen, wo sich Ölbohrungen oder andere Großprojekte ankündigen, kaufen die Leute Land. Sie hoffen, dass dort eines Tages eine Pipeline oder etwas anderes gebaut wird und sie dann entschädigt werden. Land kann man kaufen und recht einfach wieder verkaufen, man kann damit reich werden.

Der Staat wäre eigentlich dafür verantwortlich, dass Land rechtmäßig übergeben und genutzt wird. Wird der Staat seiner Verantwortung gerecht?

Bérilengar: Die aus der Kolonialzeit stammenden Gesetze schreiben vor, dass jede Länderei, die nicht dauerhaft bestellt wird, dem Staat gehört. Der Staat wird also zum »Großgrundbesitzer«, und er allein entscheidet darüber, ob das Land einer Gemeinde überlassen wird oder an Investoren geht. Alle Entscheidungen, die der Staat heutzutage trifft – und das gilt insbesondere für die Erdölförderung – werden gegen die Interessen der Lokalbevölkerung zugunsten des Präsidentenclans getroffen. Es gibt derzeit kein Gesetz, das es einer lokalen Gemeinde ermöglichen würde, die Landnahme durch den Staat zu verweigern. In Abwesenheit eines funktionierenden Rechtsstaates werden dann viele Streitigkeiten um Land durch Selbstjustiz ausgetragen.

Ist die Bevölkerung darüber ausreichend informiert?

Bérilengar:Was der Bevölkerung wirklich die Augen geöffnet hat, ist das Erdölprojekt. Bisher galt, dass die Lebensgrundlage Land ihnen zusteht und dass dieses Recht von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Aber jetzt sagt der Staat: »Nein, der Staat ist der Eigentümer dieses Landes.« Letztendlich geht es um Macht. Entweder eignet sich der Staat etwas mit Macht an, oder er gibt vor, durch Bauvorhaben wie Schulen oder Krankenhäuser im Sinne des Allgemeinwohls zu handeln. Unter dem Vorwand von Investitionen im Sinne des Allgemeinwohls spricht sich der Staat Landbesitz zu. Die Regelungen des Grundbesitzes sind so unklar, dass sie erheblichen Interpretations

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