Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2010
Papstkirche am Abgrund
Ein Bischof sagt, was sich jetzt ändern muss
Der Inhalt:

Erster Tag im neuen Leben

von Constanze Bandowski vom 23.04.2010
Ibrahim Quedraogo hat auf einer Müllkippe in Abidjan gelebt. Jetzt wird der ehemalige Straßenjunge Metallarbeiter

Im Paradies wird hart gearbeitet. Der Krach dröhnt über den Hof, er weht unter Palmen und Mangobäumen hinweg Richtung Lagune. Ibrahim sitzt auf dem Boden der Schlosserwerkstatt und dengelt ein Stück Eisen. Konzentriert klopft er mit dem Hammer auf den Meißel. Immer wieder, Schlag für Schlag. Manchmal blitzt ein Funke auf, aber Ibrahim reagiert nicht darauf. Seine Zungenspitze steckt zwischen den zusammengepressten Lippen, ein leuchtender rosa Fleck im dunklen Kindergesicht.

Heute ist Ibrahims erster Arbeitstag. Endlich hat er es geschafft, im Berufsbildungszentrum Amigó Doumé aufgenommen zu werden! Im letzten Jahr hatte er sich schon einmal bei den Amigonianern vorgestellt. Der katholische Männerorden aus Spanien bietet die einzige Ausbildungsmöglichkeit für sozial schwache Jugendliche in Abidjan. Davon gibt es Tausende, weil die Elfenbeinküste durch Misswirtschaft, Bürgerkrieg und Korruption zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Ibrahim jedenfalls wollte schon vor einem Jahr ins Internat. Die katholischen Patres meinten jedoch: zu jung!

Jetzt hat er sich als 16-Jähriger angemeldet. Nachprüfbar ist sein Alter nicht; Geburtsurkunden werden in der Elfenbeinküste selten ausgestellt. »Vielleicht ist er 15«, meint Patre Isaac Calvo und betrachtet den schweigsamen Jungen mit einem freundlichen Lächeln. »Er ist körperlich etwas zurückgeblieben, so klein und still, aber das kann auch durch Mangelernährung kommen.«

Isaac Calvo kennt Ibrahim aus Akuedo, einem der vielen Elendsviertel von Abidjan. Viele der 25 Internatsschüler kommen aus diesem Stadtteil am Rand der städtischen Müllkippe. Die Menschen leben vom Abfall. Tag für Tag wandern sie auf die Halde und suchen nach Schrott, Plastik, Pappe oder Glas. Manche schlafen nachts mitten in dem Gestank. Tagsüber bauen Frauen Marktstände und Suppenküchen auf; schon kleine Kinder stochern und spielen in den giftigen Resten der Zivilisation herum, Säuglinge atmen die Gase auf dem Rücken der Mutter ein.

So sah auch Ibrahims bisheriges Leben aus. Er lungerte auf der Kippe oder auf der Straße herum, schlief irgendwo in einer Ecke. Seine Eltern kümmerten sich kaum um ihn. Sie stammen aus dem benachbarten Burkina Faso und zogen auf der Suche nach Arbeit nach Abidjan, das lange als Wirtschaftszentrum Westafrikas galt. Bis Mitte der 1990er-Jahre waren Einwanderer in der damals noch stabilen Elfenbeinküste wil

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen