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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2010
Papstkirche am Abgrund
Ein Bischof sagt, was sich jetzt ändern muss
Der Inhalt:

»Völlig neue Machtverhältnisse«

von Tillmann Elliesen vom 23.04.2010
Wie verändert sich ein Dorf, in dem die Bewohner zwei Jahre lang ein Grundeinkommen erhalten? Fragen an Herbert Jauch, den Begleiter des Projektes in Namibia

Herr Jauch, wie hat das Grundeinkommen das Leben der Bewohner von Otjivero verändert?

Herbert Jauch:Vor der Einführung war fast die Hälfte der Kinder in Otjivero unterernährt. Dieses Problem war nach einem Jahr praktisch verschwunden. Zudem hat sich der Anteil der Kinder, die die Grundschule erfolgreich beenden, auf etwa neunzig Prozent erhöht; vorher waren es nur vierzig Prozent gewesen. Die Wirkung im Gesundheitsbereich zeigt sich daran, dass nach einem Jahr Grundeinkommen vier Mal so viele Leute die Dienste der öffentlichen Klinik in Otjivero in Anspruch genommen haben wie früher. Zum einen hat sich also die soziale Situation verbessert. Zum anderen sind neue wirtschaftliche Aktivitäten entstanden. Außerdem hat das Grundeinkommen einen emanzipatorischen Effekt.

Welche wirtschaftlichen Aktivitäten hat das Grundeinkommen ausgelöst?

Jauch: Das war das überraschendste Ergebnis des Versuchs. Die Gegend, in der Otjivero liegt, ist von Großfarmen zumeist deutschsprachiger weißer Farmer geprägt. Das Dorf liegt auf einem Flecken Staatsland dazwischen, völlig isoliert. Wir waren anfangs überzeugt, dass sich da wirtschaftlich nichts entwickeln kann. Das war letztlich auch ein Grund, warum wir uns Otjivero für den Versuch ausgesucht haben: Wenn dort etwas passiert, dann funktioniert es überall in Namibia. Es hat sich gezeigt, dass das Grundeinkommen auf zwei Seiten wirkt: Es erhöht das Einkommen von Leuten, die ein Geschäft starten, und es schafft zugleich die nötige Kaufkraft. Eine Frau backt zum Beispiel Brötchen und verkauft sie im Dorf. Mit dem verdienten Geld hat sie sich einen Herd gekauft und backt nun auch noch Brot und andere Sachen. Ein Mann fing an, Zement zu kaufen und mit Flusswasser zu mischen, und stellt nun Backsteine her. Das war alles nur möglich, weil das Grundeinkommen einen Markt geschaffen hat für diese Produkte.

Die Befürworter von Mikrokrediten sagen, es sei besser, den Leuten Geld zu leihen, statt es ihnen zu schenken. Nur dann sei gewährleistet, dass sie es vernünftig verwenden. Widerlegt Ihr Versuch diese Annahme?

Jauch: Absolut. Es wäre widersinnig, den Leuten in Otjivero nur Mikrokredite zu geben. Wem sollte die Frau ihre Brötchen verkaufen? Wem verkauft der Mann seine Ziegelsteine? Mikrokredite schaffen keine Nac

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