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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2010
Papstkirche am Abgrund
Ein Bischof sagt, was sich jetzt ändern muss
Der Inhalt:

»Einfach mal ein Schaf sein«

von Wolf Südbeck-Baur vom 23.04.2010
Er ist Ehrendoktor einer Theologischen Fakultät, glaubt aber nicht an den Himmel. Wer braucht den auch schon? Fragen an den Schriftsteller Peter Bichsel

Peter Bichsel, Sie sind Mitglied der Reformierten Kirche in der Schweiz, gehen aber nicht hin. Dennoch zahlen Sie gerne Ihre Kirchensteuer – in der Vorstellung, dass ein anderer kleiner Bub in der Kirche seine Emanzipation findet. Wie haben Sie selbst Ihre Emanzipation gefunden?

Peter Bichsel: Ich war ein sehr angepasster Bub, hatte sehr freundliche Eltern und war ein sehr anständiger Schüler. Ich hatte keine Möglichkeit, mich in der Unanständigkeit zu emanzipieren, sondern nur in übertriebener Anständigkeit. Das hieß für mich damals, dass ich mich nur im Pietismus emanzipieren konnte. Ich hatte eine frei gewählte pietistische Jugend, ohne von den Eltern beeinflusst zu sein. Angefangen hat das beim Blauen Kreuz und Bibellesebund, ging über freundliche Ländlischwestern und irgendwelche Predigten in der Unterkirche. In diese Frömmigkeit habe ich mich reingekniet und die Bibel gelesen, was als Bildungsfundus etwas Wunderbares war.

Was hat Sie an der pietistischen Art zu glauben angezogen?

Bichsel: Ich habe dort gelernt, in Minderheiten zu leben, mich mit der Gitarre an die Hausecke hinzustellen und Weihnachtslieder zu singen, ob es den andern gefällt oder nicht.

Das haben Sie gemacht?

Bichsel: Ja, natürlich. Das war hart und bitter. Seither habe ich mich immer nur in Minderheiten bewegt, die Mehrheiten haben mir nie gefallen. Ich würde aus jeder Bewegung austreten, die eine Mehrheit erlangt. Ich fühle mich nur in Minderheiten wohl. Ein Schafhirte in der Provence hat mir erzählt, wie langweilig das ist, zehntausend Schafe hüten zu müssen und wie strohdumm sie sind. Der Hirte hat auch gesagt, dieser Jesus von Nazareth war eindeutig ein Intellektueller, denn seine Gleichnisse von den Schafen zeigen, dass er nie etwas mit Bauern zu tun hatte. Die richtigen Schafhirten haben ihn wohl darum ausgelacht. Schafe kennen die Stimme ihres Herrn nicht, vor allem können sie nicht zählen. Als Hirte hat man nur Mühe, wenn die Herde auseinanderfällt. Man bekommt sie nicht mehr zusammen, weil beide Teile glauben, sie seien die Herde. Ab und zu möchte ich ein Schaf sein, eben im Kreis der Sanftmütigen oder der »Gerechten« mal einen Abend lang sitzen und das Gefühl haben: Wir sind alle. Dieses Gefüh

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