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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2010
Papstkirche am Abgrund
Ein Bischof sagt, was sich jetzt ändern muss
Der Inhalt:

Das Versteck in der Pfeifenkammer

von Thomas Seiterich vom 23.04.2010
Schutzraum der Freiheit: die Orgel der Martin-Luther-Kirche in Ulm. Junge Christen gestalten den Erinnerungs-Ort an den Schülerwiderstand im Dritten Reich

Da muss etwas nicht stimmen, was man am Geiste dieser Klasse sieht! Man schämt sich, dass es eine solche Klasse an einem deutschen Humanistischen Gymnasium gibt!«, so schrie mit sich überschlagender Stimme Roland Freisler, der Vorsitzende des Nazi-Volksgerichtshofes, bevor er 1943 die Ulmer Schüler der Widerstandsgruppe Weiße Rose zu hohen Gefängnisstrafen verurteilte.

Suse Hirzel bekam damals fünf Jahre Haft. Hirzel, heute 87 Jahre alt, Cello-Musikpädagogin und äußerst fit, steht mit Konfirmanden und Schülern im engen, westlichen Treppenhaus der Ulmer Martin-Luther-Kirche und erzählt: »Ich kann mich deutlich an das Gebrüll Freislers erinnern. Doch ich habe damals wohl den Unmenschen von Nazi-Richter bezirzt – als Zöpfe tragendes, blondes deutsches Bilderbuchmädel. Vermutlich trug dies zur Milderung der Urteile bei.« Ihr »Verbrechen«: Susanne Hirzel, damals 21 Jahre junge Musikstudentin, hatte nächtens in Stuttgart das fünfte Flugblatt der Widerstandsbewegung in Deutschland verteilt. »Der Vertrieb der Flugblätter fand hier in der Luther-Kirche statt. Zur Tarnung hat mein Bruder Hans Hirzel, während sein Freund Franz Josef Müller Flugblätter faltete und kuvertierte, von Zeit zu Zeit auf der Walcker-Orgel gespielt«, so berichtet die Zeitzeugin.

Die Pfeifenkammer bildete das Versteck. Ein kaum mannshoher Raum – ringsum von Holz umgeben, inmitten der 3000 Orgelpfeifen – diente im Kriegswinter 1942/43 monatelang als Schutzraum der Ulmer Schüler-Widerstandskämpfer um den Katholiken Franz Josef Müller und den Sohn des Pfarrers der Luther-Gemeinde, Hans Hirzel. »Sie waren ein paar Jahre jünger als unsere Vorbilder und Freunde um Sophie Scholl und Willi Graf, die als Studierende in München Widerstand gegen das Nazitum leisteten«, erzählt Suse Hirzel. »Die Älteren schrieben die sechs Flugblätter – und wurden deshalb zum Tod verurteilt –, die Schüler halfen, sie zu verteilen.«

Für Gemeindepfarrer Volker Bleil ist die Pfeifenkammer in seiner 1928 eingeweihten Kirche ein heiliger Ort: »Ein Schatz; eine Aufgabe; ein revolutionäres Erbe, das fruchtbar gemacht werden muss, insbesondere für junge Leute.« Bleil fährt fort: »Schüler können viel bewegen, dies ist die Botschaft unseres Denk-Ortes.« Mit dreizehn Konfirmanden hat Bleil seit dem Herbst die Ausstellung erarbeitet, die nun – täglich geöffne

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