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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2018
Krone der Schöpfung?
Es ist Zeit für eine Grüne Reformation
Der Inhalt:

Die große Lesekrise

von Anne Strotmann vom 13.04.2018
Immer weniger Menschen greifen zum Buch. Zeit, über die Folgen nachzudenken

Lesen gehört zu den kulturellen Zaubertricks, mit denen sich Menschen eine gemeinsame Identität schaffen«, sagt die Schriftstellerin Juli Zeh. Wer Romane liest, sei empathischer, wortgewandter, besser zu Perspektivwechseln fähig, sagt die Forschung. Aber ich frage mich: Kann man solche Kunststücke nicht auch mit Onlineaktivitäten oder Filmen zustandebringen? Ich finde jedenfalls mehr Leute, die mit mir über die neue Netflix-Serie reden können als über den Roman, den ich gerade lese. In der Liste der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen schafft es das Buch nicht mal mehr unter die ersten fünfzehn Plätze. Wenn Menschen gefragt werden, warum sie keine Bücher mehr lesen, sagen sie, dass sie keine Zeit hätten, außerdem von Informationen überflutet würden und sich nicht konzentrieren könnten. Wer von der Schule oder Arbeit kommt, schaut eher Videos an oder klickt sich durch Onlineartikel, als sich einen 500-Seiten-Schmöker vorzunehmen.

Droht uns mit der Lesekrise eine kulturelle Katastrophe? Kulturgeschichtlich ist diese Panik nicht neu: Welch Untergangsfantasien hegten Kulturpessimisten, als um 1800 mit steigender Buchproduktion die »Romanleserey« aufblühte. Der Philosoph Johann Adam Bergk war überzeugt, dass Lesen träge, gewissenlos und lebensmüde mache. Der Pädagoge Karl G. Bauer sah vor allem Frauen und deren »Geschlechtstheile« gefährdet. Heute sorgen sich Kritiker angesichts von Fernsehen, Computer, Smartphone um Kinder und deren Gehirne. Der Pessimismus folgt dem gleichen Muster. Irgendwie hat es die Menschheit trotzdem bis hierher geschafft. Dabei ist selbst die Kulturtechnik Lesen noch so jung, dass unser Gehirn Areale dafür umfunktioniert, die eigentlich für anderes zuständig sind. Ob das beeindruckend oder besorgniserregend ist – darüber streiten die Geister. Doch dass nun ausgerechnet digitale Medien aus Kindergehirnen umgehend Apfelmus machen und allein Bücher sie davor bewahren, ist zu bezweifeln. Schließlich tun die Kindergehirne etwas ganz Normales: Sie erwerben eine zeitgemäße Kompetenz, nämlich, aus der Infoflut schnell das Wichtigste herausfiltern und zwischen Quellen springen zu können. Doch dieses informationelle Lesen ist ein ganz anderes als das vertiefte Lesen in Romanen. Der Bildschirm verleitet zu oberflächlicherem Lesen, meinen Leseforscher. Und da wird mir doch etwas unbehaglich. Ich gehöre zu einer Generation, die zwischen informationellem und vertieftem Lesen we

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