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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2016
Eine Stadt sucht Heilung
Brüssel nach dem Terror
Der Inhalt:

Nicole und die Sehnsucht nach Nähe

Am Anfang ist es ihr peinlich. Doch in der Gesprächstherapie spürt die Patientin, was sie wirklich braucht. Ein Fallbeispiel

Mit vier Jahren musste sie oft allein zu Hause bleiben. Wenn sie Angst hatte, war sie bei Mutter und Vater unerwünscht. Ihre Mutter schickte das kleine Mädchen oft alleine los – zum Einkaufen, zur Tante ins nächste Dorf, ja auch zum Zahnarzt. Geschwister hatte sie nicht, Freundinnen nur selten. Dann trennten sich die Eltern, der Vater zog weit weg. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester lebte Nicole Kösters (Name geändert) noch lange Zeit bei der Mutter. Einer musste ja aufpassen, damit diese sich nicht allzu sehr betrank.

Eines Tages sitzt Nicole Kösters in einer Beratungsstelle in Rendsburg. Sie ist 28 Jahre alt und weiß nicht weiter. Endlich hat sie sich getraut, zu Hause auszuziehen, und lebt seit einiger Zeit mit ihrem Freund zusammen. Doch ihr Partner betrügt sie. Zuerst »nur ein bisschen«, wie sie sagt, inzwischen immer öfter.

Die Psychologin, die ihr gegenüber sitzt, hört aufmerksam zu und stellt Fragen: Ist es vielleicht kein Zufall, dass sie sich einen Mann ausgesucht hat, dem sie nicht wirklich wichtig ist? Zuerst will Nicole davon nichts wissen, aber im Laufe der Sitzungen beginnt sie zu ahnen, dass sie sich unbewusst die ablehnende Haltung ihrer Eltern zu eigen gemacht hat. In der Sprache der Gesprächspsychotherapie: Die Botschaft der Eltern, dass ihr Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung falsch sei, ist zum Teil ihres »Selbstkonzepts« geworden. Deshalb hat sie das Verhalten ihres Partners so lange geduldet.

»In der Beratungsstelle begegnete mir zum ersten Mal ein Mensch, der sich dafür interessierte, wie es mir ging«, erinnert sich Nicole Kösters. »Bei meiner Therapeutin spürte ich, dass ich Gefühle hatte, dass diese Gefühle be