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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2016
Eine Stadt sucht Heilung
Brüssel nach dem Terror
Der Inhalt:

Gotteserfahrung ist mehr als Biochemie

von Hartmut Meesmann vom 15.04.2016
Ein Gespräch über Bewusstsein, Gehirn und Gotteserfahrungen mit dem Psychologen und Jesuiten Hans Goller

Publik-Forum: Herr Goller, viele Hirnforscher versuchen, religiöse Erfahrungen auf biochemische Vorgänge im Gehirn zu reduzieren. Was ist Ihr Gegenargument?

Hans Goller: Einzelne Hirnforscher haben untersucht, was im Gehirn abläuft, wenn Menschen meditieren oder außergewöhnliche religiöse Erfahrungen machen. Man stellt neuronale Grundlagen religiöser Erfahrungen fest. Mehr nicht. Einen Zugang zu den Inhalten dieser Erfahrungen bekommt man nicht. Das ist mein Hauptargument gegen alle Versuche, religiöse Erfahrungen – und überhaupt Empfindungen, Gedanken und Gefühle – allein auf biochemische Prozesse zurückzuführen.

Viele Hirnforscher sind überzeugt, religiöse Erfahrungen hinreichend erklären zu können.

Goller: Die Reduzierung auf biochemische Abläufe ist keine Erklärung. Das Problem liegt in den unterschiedlichen Zugängen. Wenn Sie sich freuen oder traurig sind, wenn Sie religiöse Erfahrungen machen, dann sind das Ihre subjektiven Erfahrungen und Gefühle. Es geht um Ihr ureigenes Erleben. Der Zugang geschieht also über die »Perspektive der ersten Person«: Ich freue mich … Wenn dagegen der Wissenschaftler beobachtet und urteilt, dann geschieht dies immer aus der »Perspektive der dritten Person«, also von außen. Ihr ureigenes Erleben kann der Hirnforscher nicht erfassen, jedenfalls nicht im Sinne eines objektiv nachprüfbaren Ergebnisses. Diesen objektiven Standpunkt gibt es nicht. Anders gesagt: Wir können nicht aus dem Bewusstsein aussteigen und gleichzeitig sagen: Jetzt beobachten wir das Bewusstsein. Das ist ein Denkfehler.

Warum hält sich die Theorie, man könne mentale Prozesse allein auf neuronale Mechanismen zurückführen, so hartnäckig?

Goller: Tatsache ist: Schädigungen des Gehirns haben enorme Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten der Betroffenen. Insofern lassen sich Empfindungen und hirnphysiologische Mechanismen nicht trennen. Es gibt etwa die Hypothese, dass Depressionen auf einem Mangel an Neurotransmittern beruhen. Wenn das stimmt, dann müsste man sagen: Ein geschädigtes Gehirn braucht keine Psychotherapie, sondern Chemie, im Falle von Depressionen also Antidepressiva. Aber: Noch haben wir keine eindeutigen Beweise dafür, dass psychische Störungen nur auf Schädigungen im Gehirn zurückzuführen sind.

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