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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2016
Eine Stadt sucht Heilung
Brüssel nach dem Terror
Der Inhalt:

Die missglückte Reformation des Islams

Warum setzte sich der fundamentalistische Islam gegen die liberalen Reformer durch? Eine theologisch-geschichtliche Spurensuche

Nach fast jedem islamistischen Anschlag werden Stimmen laut, die eine Reformation des Islams fordern. Nur so könne er in die Moderne überführt werden. Das Problem ist nur: Die Reformation hat bereits stattgefunden, nur nicht in der Form, wie sich dies jene erhoffen, die den Ruf danach erheben. Schlimmer noch: Die Reformation ist genau das Problem. Denn die islamistische Ideologie, die zu so viel Gewalt geführt hat, ist selbst das Ergebnis einer modernen Reformbewegung. Diese propagiert zwar die Rückkehr zum »wahren Islam«, vertritt aber ein neues Religionsverständnis, das mit etlichen islamischen Traditionen bricht.

Viele fragen sich, wie es sein kann, dass dieses zutiefst illiberale Islamverständnis der salafistischen Reformbewegung solche Bedeutung erlangen konnte. Warum sind im Gegensatz dazu die Ansätze für ein offenes, liberales und pluralistisches Verständnis des Islams wirkungsgeschichtlich so bedeutungslos und marginal geblieben? Die Antwort auf diese Frage führt zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als fast die gesamte muslimische Welt unter der Kolonialherrschaft »christlicher Staaten« stand. Islamische Geistliche und Intellektuelle begannen damals, nach Gründen für die Rückständigkeit und die Unterlegenheit ihrer Gesellschaften zu suchen, und machten die Erstarrung der Religion dafür verantwortlich. Eine große Wirkungsgeschichte hatte in diesem Zusammenhang der polyglotte Gelehrte, Reisende und Agitator Jamal al-Din al-Afghani (1838-1897). Sein Beispiel zeigt, wie nahe islamischer Modernismus und Islamismus ursprünglich beieinander lagen. Al-Afghani forderte die Einheit der Muslime und die Reinigung des Islams von allen als irrational empfundenen Traditionen. Nur so könne man den Anschluss an die westliche Mode