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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2015
Und der Mensch schuf das Netz
Gott in der digitalen Revolution
Der Inhalt:

Auf der Suche nach Klarheit

von Christian Modehn vom 10.04.2015
Sie werden immer beliebter: religionsphilosophische und theologische Salons. Die Menschen treffen sich in Cafés, Kneipen oder Galerien

Sie waren keine Revolutionäre. Aber sie haben das Ende der verhassten Willkürherrschaft vorbereitet: Die Teilnehmer philosophischer Salons im Paris des 18. Jahrhunderts liebten nicht nur Debatten bei Wein und feinen Speisen; sie verfassten auch kritische Schriften und Pamphlete.

Eher bildungsbürgerlich-moderat gaben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der »gemütlichen« Salons in Berlin zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dort wurde meist über die »Zustände« im Staat und in der Kirche diskutiert. So waren etwa Heinrich Kleist, Friedrich Schleiermacher, Gottlieb Fichte oder Heinrich Heine mit vielen Entwicklungen durchaus nicht einverstanden.

Für die Teilnehmer heutiger Salons, zum Beispiel in Berlin, ist dagegen der Wunsch entscheidend, mehr Klarheit im eigenen Leben zu finden. »Ich entdecke im reli gionsphilosophischen Salon, dass Philosophie Klarheit schafft. Die Gespräche im kleinen Kreis helfen, auf die Welt und Gott kritisch zu schauen und Vorurteile abzuwehren«, berichtet Elsa, eine Teilnehmerin. Sie kommt regelmäßig zu den monatlichen Salonabenden. Vor acht Jahren gegründet, haben sich inzwischen mehr als 200 Personen an den Salonabenden beteiligt. Die klassischen (kirchlichen) Akademien mit ihren »Frontal-Vorträgen« wünschen eher ein zuhörendes Publikum. »Im Salon dagegen gibt es keine Meisterdenker«, sagt Leo, »jeder hat eine kritische Kompetenz«.

Seit etwa zwanzig Jahren gibt es zahl reiche philosophische Salons in den deutschsprachigen Ländern. Einige sind mit Philosophen, die in freien Praxen arbeiten, verbunden und bieten sogar philosophische Reisen an. Der Berliner religionsphilosophische Salon findet in einer Galerie statt. Kirchengebäude kommen nicht infrage, sie werden als zu amtlich und oft zu ungemütlich empfunden. Die Salon-»Clientèle« möchte mit kirchlichen Institutionen ohnehin nicht so viel in Berührung kommen. Viele der Teilnehmer sind aus der Kirche ausgetreten, einige sind Buddhisten oder Muslime. Auch Agnostiker oder Atheisten sind dabei.

»Diese Vielfalt erlebe ich im Alltag sonst nicht«, meint Herbert, »religiöse Lehren prüfen wir, manche legen wir getrost beiseite.« Die Themen sind provozierend: »Was heißt aktive Sterbehilfe?« Oder: »Wenn der Mensch Gott anklagt«. Oder: »Kann ich gut leben in einer ungerechten Welt?« Nach der Debatte bleiben einige noch zum Essen zusammen. Auch Exkursionen werden angeboten, soga

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