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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2015
Und der Mensch schuf das Netz
Gott in der digitalen Revolution
Der Inhalt:

Ein bisschen gleichberechtigt reicht nicht

von Britta Baas vom 10.04.2015
Wenn der Staat weltanschaulich neutral, aber religionsfreundlich ist, wem nützt das dann? In Deutschland nützte es über Jahrzehnte der Gesellschaft – und den Kirchen. Doch die bekommen nun Konkurrenz

Mehr als vier Wochen ist es her, da schaffte es das Bundesverfassungsgericht, ein Land in Aufruhr zu versetzen. Am 13. März veröffentlichte der Erste Senat sein »Kopftuchurteil«. Er hatte entschieden: Ein generelles Berufsverbot für muslimische Lehrerinnen, die im Unterricht Kopftuch tragen wollen, könne es nicht geben. Denn für ein Verbot – wie es der Zweite Senat desselben Gerichts 2003 noch ausgesprochen hatte – reiche eine abstrakte, eingeredete Gefahr für den Schulfrieden nicht aus.

Folglich dürfen Lehrerinnen an öffentlichen Schulen in Deutschland ab sofort mit Kopftuch zum Unterricht erscheinen. Jedenfalls im Prinzip. Sie dürfen Mathe unterrichten, Deutsch oder Musik. Islamischen Religionsunterricht dürfen sie natürlich auch geben – sofern er in dem Bundesland, in dem sie arbeiten, zugelassen ist.

So weit, so gut. Oder besser: So schlecht? Darüber ist in Deutschland, so scheint es, noch lange nicht endgültig entschieden. In der auf das Urteil folgenden Debatte wird verbal mit harten Bandagen gekämpft. Für die Juristinnen und Juristen aus Karlsruhe gibt es großes Lob und heftigen Tadel – von anderen Juristen, von Theologen und in der sogenannten öffentlichen Meinung.

Beginnen wir mit Letzterer. Die empirische Sozialforschung hält aktuelle Daten bereit, die das Kopftuchurteil im Licht der Bevölkerungsmeinung zeigen. Deutlich wird: In der Generation der unter 25-Jährigen finden es siebzig Prozent der Befragten ganz normal, dass eine muslimische Lehrerin eventuell Kopftuch trägt. »Soll sie doch!«, so lautet das Urteil. Gleichzeitig zeigen andere Umfragen: Die Mehrheit der Deutschen will nicht, dass der Islam in diesem Land eine Gleichbehandlung mit dem Christentum erfährt. Dieser Vorbehalt ist wiederum nicht in Einklang zu bringen mit der gleichermaßen von einer Mehrheit geäußerten Überzeugung, es müsse in einem demokratischen Staat die gleichberechtigte Religionsfreiheit für alle gelten.

»Angst vor dem Islam« attestiert der Erlanger Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe denn auch den Deutschen. Juristinnen und Juristen dürften aber aus dieser Angst keine Rechtsnormen ableiten: »Ist es etwa unsere Aufgabe, alles, was nicht Mainstream ist, sofort zu verbieten?« Die Kritiker des Karlsruher Urteils würden nicht kühl genug darüber nachdenken, »was man

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