Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2013
Tödliche Hetze
Sozialethiker Friedhelm Hengsbach: »Wir brauchen Zeitrebellen«
Der Inhalt:

»Wir brauchen eine Zeitrebellion«

von Adelbert Reif vom 12.04.2013
Über den Widerstand gegen das Diktat der Beschleunigung und die Chancen einer solidarischen Halbtagsgesellschaft. Fragen an den Sozialethiker Friedhelm Hengsbach

Herr Hengsbach, inwieweit erleben Sie selbst die Beschleunigung der Gesellschaft, die Sie scharf kritisieren?

Friedhelm Hengsbach:Auf Vortragsreisen passiert es immer wieder, dass morgens der Wecker piepst und ich nicht weiß, wo ich bin – daheim oder auf Reisen, im eigenen Zimmer oder im Hotel. Dennoch geht es schnell heraus aus dem Bett, duschen, anziehen, frühstücken. Während des Frühstücks höre ich Nachrichten, überschlage die Schlagzeilen der Zeitungen, eile zur Rezeption, laufe zum Bahnhof und springe in den Zug, gerade noch bevor der Zugbegleiter abpfeift. Während der Fahrt registriere ich die Anrufe und Nachrichten auf dem Handy, löse den Stau der eingegangenen Mails und bereite den nächsten Vortrag vor. Die wichtigen Gespräche mit den Menschen, die Thematik des Vortrags und die kritischen Einwände sind längst versenkt.

Sie sind ein gefragter Redner. Inwiefern sind auch ganz normale Menschen von solchen Erfahrungen betroffen?

Hengsbach: Sie werden von vielen Menschen bestätigt. Sie fühlen sich im Alltag gehetzt, immer zu spät dran, als stolperten sie atemlos hinter sich her. Von Terminen getrieben, packt sie die Sorge, eine Zusage nicht einhalten zu können oder eine Verabredung vergessen zu haben. Informationsfluten und schnell wachsende Anfragen ersticken ein konzentriertes Arbeiten. Auch Kinder haben bereits einen Terminkalender.

Was sind die Folgen?

Hengsbach:Laut Krankenkassen hat sich in den letzten zwanzig Jahren die Zahl der psychosomatischen Krankheiten verdoppelt. Acht von zehn Deutschen empfinden ihr Leben als stressig. Jeder dritte Erwerbstätige sieht sich häufig an der Grenze der Belastbarkeit. Frauen empfinden das Gehetztsein stärker als Männer. Besonders betroffen sind Beschäftigte, die oft mit Kundschaft arbeiten, mit Patienten oder Klienten, Vorgesetzte und solche mit langen Arbeitszeiten von 45 Wochenstunden und mehr.

Bestätigt das nicht die eigene Bedeutung?

Hengsbach: Solange der Glaube, unverwundbar zu sein, anhält, verstärkt man den Einsatz. Persönliche Bedürfnisse werden vernachlässigt, Konflikte verdrängt, soziale Kontakte reduziert. Die innere Leere wird durch Ersatzbefriedigungen überspielt, bis auch diese in eine totale Apathie münden. Dann folgt die Erschöpf

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen