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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2013
Tödliche Hetze
Sozialethiker Friedhelm Hengsbach: »Wir brauchen Zeitrebellen«
Der Inhalt:

und was macht kafka?

von Brigitte Neumann vom 12.04.2013
Über die Zukunft der Literatur in einer digitalen Welt und von der Wehmut über das Verschwinden der Bücher

Seit ein paar Jahren gehen wir alle auf dünnerem Eis«, sagt Hans-Jürgen Balmes mit leiser Stimme. Der langjährige Programmleiter für internationale Literatur beim S. Fischer Verlag hält inne und faltet die Hände, bevor er weiterspricht. »Und jeder versucht unter das Eis zu schauen, um herauszufinden, was da jetzt von unten kommt.«

»Von unten«, gemeint ist aus dem Netz, »da kommt Genreliteratur«, sieht die kroatische Essayistin Dubravka Ugresic ganz klar. Und die sei sehr erfolgreich. Vampirromane, Pornos, Fanzines – also die 175. Folge von Star Wars oder Harry Potter, die im Netz von Fans weitergeschrieben werden. Außerdem interaktive SMS-Fortsetzungsstories, wie sie in Japan Furore machen. »Die Verleger entdeckten dieses Phänomen, und sie veröffentlichten diese Handy-Romane sofort. Jeder von ihnen hat mindestens drei Millionen Exemplare in einer erstaunlich kurzen Zeit verkauft.« In ihrem Essayband »Karaokekultur« hat Ugresic Entwicklungen wie diese aufs Korn genommen. »Aber die Frage ist, warum 15- bis 18-jährige Mädchen, Schulabbrecherinnen, mit einem primitiven Roman eine derartige Popularität erreichen können. Und ein Teil der Antwort lautet, dass die Leser, die sich im Internet an der Gestaltung des Plots beteiligten, das Gefühl hatten, dieses Buch sei auch ein klein wenig von ihnen.«

Warum aber ist das Eis so dünn geworden, wenn Verleger offenbar prima Reißer verkaufen könnten wie die Handyromane von Schulabbrecherinnen oder S/M-Schmöker wie »Fifty Shades of Grey«, den Papier- und E-Book-Weltbestseller von E. L. James, der ursprünglich nur im Netz kursierte. Hans Balmes holt tief Luft, denn nun wird er gegen den aktuellen Erzfeind aller Büchermacher zu Felde ziehen, aber sanft, wie es seine Art ist: »Amazon takes it all«, Balmes hebt die Hände. »Amazon ist sowohl für Fischer als auch für die gesamte Verlagsbranche das größte Problem. Denn die Firma hat sich eine Monopolstellung erarbeitet. Die hat so viel Macht, dass sie irgendwann in der Lage sein wird, Verlage abzuschaffen. Und das wird genau dann passieren, wenn diese Verlage für Amazon als einzigem nennenswerten Buchverkäufer keine Rolle mehr spielen.« Das weltgrößte Online-Warenhaus hat 1994 mit Büchern angefangen, es verkauft den begehrtesten E-Book-Reader »Kindle« und ist heute nicht nur der international größte

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