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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2013
Tödliche Hetze
Sozialethiker Friedhelm Hengsbach: »Wir brauchen Zeitrebellen«
Der Inhalt:

Kampf um die eigene Würde

von Norbert Copray vom 12.04.2013
Vor siebzig Jahren: Der jüdische Aufstand im Warschauer Getto

Markus Roth/Andrea Löw

Das Warschauer Getto
Alltag und Widerstand im Angesicht der Vernichtung. bsr 6087. 240 Seiten. 14,95 €

Vom 19. April bis mindestens zum 16. Mai 1943 dauerte die größte jüdische Widerstandsaktion gegen den Völkermord, die als jüdischer Aufstand im Warschauer Getto in die neuere Geschichte einging. Rund 350 000 Juden lebten in Warschau, als die Nationalsozialisten im November 1940 begannen, sie mit einer 18 Kilometer langen und drei Meter hohen Umfassungsmauer abzuriegeln und unter elenden Bedingungen zusammenzupferchen. Am 19. April 1943 begann die jüdische Kampforganisation den mehrere Wochen dauernden Aufstand im Getto. Dieses diente den Nazis als Sammellager für Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka. Es war ein wichtiger Teil der organisierten Massenvernichtung jüdischer Menschen. Der Aufstand wurde von der SS blutig niedergeschlagen, das Getto selbst zerstört. Die noch verbliebenen Bewohner wurden entweder an Ort und Stelle erschossen oder aber in die Vernichtungslager – vor allem Treblinka – abtransportiert. Etwa 30 000 Juden verblieben als »Illegale« in einem »Rest-Getto«.

Die beiden Zeithistoriker Markus Roth und Andrea Löw beschreiben das jüdische Leben in Polen vor dem Krieg sowie mit Beginn der Besatzung Polens durch die Deutschen. Ein wichtiger Zeitzeuge ist neben anderen Opfern der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der in seinen Erinnerungen die Vorgänge in Warschau beschrieben hat. Ab sofort waren Juden der sadistischen Willkür und Brutalität der Nazis und ihrer Helfershelfer ausgesetzt, wobei eine latente antisemitische Stimmung in der nichtjüdischen polnischen Bevölkerung den Nazis durchaus entgegenkam. Mit der verordneten Einrichtung eines Judenrats machten sich die Nazis auf perfide Weise Teile der jüdischen Führungselite zunutze, die damit zwischen alle Stühle geriet.

Die Autoren beschreiben eingehend und für eine historische Darstellung berührend die Entwicklung, das Leben, das Arbeiten, die Fürsorge und Selbsthilfe im Getto; und auch Kultur, Liebe und Freundschaft, die Kommunikation und das religiöse Leben dort. Der Verlust an Intimität, die permanente Kontrolle, das Ausgeliefertsein, die Demütigungen und der Kampf um die eigene Würde sind allgegenwärtig und seelische Folter schon vor der physischen Vernichtung.

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