Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2013
Tödliche Hetze
Sozialethiker Friedhelm Hengsbach: »Wir brauchen Zeitrebellen«
Der Inhalt:

Die Selbstverwalter

von Rebekka Sommer vom 12.04.2013
In Halle organisieren Erwerbslose den Tafelladen selbst

Bei der Halleschen Tafel herrscht Andrang. Im Lagerraum packen fünf Mitarbeiter emsig Obst, Joghurt und Brot in Körbe, ein sechster reicht sie über den Tresen. Der Warteraum platzt aus allen Nähten. »Ungefähr hundert Leute kaufen jeden Tag bei uns ein«, sagt Ingo Liebscher. Der 61-jährige behäbige Mann mit dem grauen Hemd hat die Tafel zusammen mit einem zweiten Ehrenamtlichen aufgebaut, den Anstoß gab die Stadtmission. Nach sechzehn Jahren ist Liebscher so etwas wie der Chef hier. Wenn er Besuchern die Räume präsentiert, kann er zu jedem Zettelchen, das an den Wänden haftet, etwas erzählen: »Kinderwagen vorrätig«, steht auf einem, »Sag’s auf Deutsch« auf einem anderen: eine Ermutigung an die wenigen Zuwanderer hier, beim Einkaufen nicht in ihre Herkunftssprachen zu verfallen, erklärt der ehrenamtliche Chef.

So, wie es wohl die meisten Chefs tun, führt auch er eine Statistik. Doch in seinem Fall ist es ein trauriges Zahlenspiel: Rund hundert Kunden haben sich in jedem Monat des vergangenen Jahres bei der Halleschen Tafel angemeldet, jeder vierte davon ein Kind. »Als wir die Tafel 1997 gründeten, war nur jeder fünfte Kunde ein Kind«, so Liebscher. »Wenn auf der Autobahn ein Lebensmittel-Laster verunglückt, ist das für uns ein Glücksfall«, sagt er und guckt verschmitzt. »Denn angequetschte Bananen und verschmierte Joghurts landen dann nicht im Supermarkt, sondern bei uns.«

In Halle beherrschen kommunale Schulden und eine Arbeitslosigkeit von zwölf Prozent den Alltag. Auch Ingo Liebscher, der früher Kellner war, ist arbeitslos. Seine Ironie ist Selbstironie, er verwaltet nicht nur die Armut anderer, sondern auch seine eigene. »Durch den Alkohol war ich ganz unten angekommen«, sagt er und lässt das so im Raum stehen.

Im Bundesverband Deutscher Tafeln organisieren sich 900 Einrichtungen. Doch Tafel ist nicht gleich Tafel: Während sich mancherorts bürgerliche Ehrenamtliche engagieren, sind alle Halleschen Tafel-Mitarbeiter selbst auf die günstigen Lebensmittel angewiesen. Wie ist das, wenn beim jährlichen Bundestreffen engagierte Studienrätinnen auf Ingo Liebscher treffen, der in zusätzlichen Ein-Euro-Jobs mit Herzblut öffentliche Anlagen pflegt? Ilonka Döring, die neben Liebscher im Büro sitzt, bringt das zum Nachdenken. »Wir sind selbst daran schuld, weil wir uns abkapseln«, üb

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen