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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2012
Russisch Roulette im Labor
Die falschen Versprechungen der grünen Gentechnik
Der Inhalt:

Natallias Traum

von Ute Zauft vom 04.05.2012
Orthodoxe Christen in Weißrussland kämpfen gegen staatliche Willkür und eine nur fromme Kirche

In der Peter-und-Paul-Kirche ist es voll, Schritt für Schritt schieben sich die Gläubigen nach vorn zur Ikone. Gläubige bevölkern die christlich-orthodoxe Kirche im Zentrum der weißrussischen Hauptstadt Minsk. Jeden Tag beugen sie sich über das golden schimmernde Heiligenbild, berühren mit den Lippen die schützende Vitrine.

Die 28-jährige Natallia Vasilevich steht abseits, reiht sich nicht in den Strom der Wartenden ein. Sie fällt auf, trägt ein Kleid über den Jeans und um den Hals ein lila durchwirktes Palästinensertuch. Das Küssen der Ikonen ist ein oberflächliches Ritual, das nichts mit der christlich-orthodoxen Lehre zu tun habe, sagt sie achselzuckend.

Die überwiegende Mehrheit der Belarussen ist orthodoxen Glaubens, seit dem Ende der Sowjetunion boomen die Kirchen hier: 1994 bekannten sich nur 33 Prozent zum orthodoxen Glauben, heute sind es fast 80. Zwar gehen längst nicht alle regelmäßig zur Kirche, doch kaum ein Belarusse verzichtet auf eine Ikone am Rückspiegel im Auto, an der Wohnungswand oder im Portemonnaie.

Natallia holt sich nach dem Gottesdienst mit einer Freundin an einem Straßenkiosk noch schnell einen Kaffee. Ihre Tage sind vollgepackt: Wenn sie nicht an ihrer Doktorarbeit sitzt, schreibt sie Artikel über die Situation der Kirchen in Belarus, organisiert Diskussionsrunden über Religionsfreiheit oder fährt zu internationalen Konferenzen. Gläubig sei sie schon immer, erzählt sie, aber engagiert habe sie sich erst als Studentin. Von ihrer Kirche erwartet sie sich Antworten auf Fragen des Alltags. Zum Beispiel, wie man in einem autoritär regierten Land seinem Gewissen treu bleiben kann, ohne dabei zu verzweifeln.

Im vergangenen Herbst wurde ihr Vertrag als Dozentin an der staatlichen Universität in Minsk nicht verlängert. Natallia ist sich sicher, dass politische Gründe dahinterstecken. In einem Land wie Belarus ist gesellschaftliches Engagement nicht gern gesehen, es sei denn, es verläuft so, wie der Staat es will.

»Sie wollen nicht wissen, was die Menschen bewegt!« Natallia ist in Rage. Mit »sie« meint sie die Würdenträger ihrer Kirche. Die belarussisch-orthodoxe Kirche ist – wie die russisch-orthodoxe – von einem starren Ritus geprägt. Zentrales Element ist der genaue Ablauf der Liturgie. Die Gottesdienste werden auf Altkirchenslawisch zelebriert, einer Sprache aus dem 9. Jahrhundert, die im Al

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