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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2020
Berühre mich!Aber fass mich nicht an
Leben, lachen, glauben in Corona-Zeiten
Der Inhalt:

»Wir haben beide viel gelernt«

von Ulrike Scheffer vom 27.03.2020
Die Berlinerin Selatin Kesgin hilft einer Auszubildenden, sich auf die Abschlussprüfung vorzubereiten

Am Tag ihrer Prüfung habe ich ständig auf die Uhr geschaut, bis endlich der erlösende Anruf kam. Ein Jahr lang hatte ich eine junge Frau in ihrer Ausbildung begleitet und sie bei der Prüfungsvorbereitung unterstützt. Ihre glückliche Stimme am Telefon zu hören, als sie mir sagte, dass sie bestanden hat, war ein sehr schöner Moment.

Sie war sechs Jahre zuvor aus dem Iran nach Deutschland gekommen. In ihrer Heimat hatte sie bereits Biologie studiert, hier dann eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement begonnen. Wahrscheinlich hätte sie es auch ohne meine Hilfe geschafft. Sie war ehrgeizig und wollte die Prüfung unbedingt um ein halbes Jahr vorziehen.

Wenn man sich die Prüfungsfragen anschaut, fragt man sich aber schon: Wie soll jemand, der erst seit wenigen Jahren in Deutschland lebt, das verstehen? Ich denke daher, dass ich als Mentorin gerade Auszubildenden mit Migrationshintergrund eine gute Stütze sein kann. In Berlin hält rund ein Drittel der Auszubildenden nicht bis zum Ende durch. Die meisten davon haben einen Migrationshintergrund. Deshalb hat der Senat das Mentorenprogramm aufgelegt, an dem sich die Diakonie beteiligt.

Wir haben uns einmal in der Woche in einer Bibliothek getroffen und zusammen gearbeitet. In den Wochen vor der Prüfung auch öfter. Da ich zwei kleine Kinder habe, war es nicht immer einfach für mich, das in den streng getakteten Alltag einzubauen. Manchmal habe ich die Kinder einfach mitgenommen und sie in den Spielbereich der Bibliothek gesetzt. Eine Belastung waren die Treffen mit meiner »Mentee«, wie man sagt, aber nie für mich. Wir sind in der Zeit stark zusammengewachsen.

Ihre Dankbarkeit hat mich sehr berührt. Dabei schuldet sie mir gar nichts. Ich habe selbst so viel von ihr gelernt und auch einiges über die Probleme Geflüchteter in Deutschland erfahren. Auch über Diskriminierungserfahrungen. Meine Eltern stammen aus der Türkei, ich habe also ebenfalls einen Migrationshintergrund. Da ich in Deutschland aufgewachsen bin, hatte ich aber bessere Startbedingungen.

Ich habe einen guten Job, zwei gesunde Kinder und hatte irgendwann das Gefühl, ich sollte Menschen helfen, denen es nicht so gut geht. Im Internet wurde ich auf die Ausbildungsbrücke aufmerksam. Für meine Mentee, die Christin ist, war es sicher eine Überraschung, dass ihre deutsche Mentorin

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