Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2020
Berühre mich!Aber fass mich nicht an
Leben, lachen, glauben in Corona-Zeiten
Der Inhalt:

Ein Musiker macht Mut

von Andrea Teupke vom 27.03.2020
Aufgefallen: Der Pianist Igor Levit gibt wegen der Corona-Krise online Hauskonzerte. Der Beethoven-Interpret ist als politischer Mahner bekannt

Ein schmales Gesicht über dem schwarzen Kapuzenshirt, schwarze Jeans und Socken: So läuft Igor Levit durchs Bild. Er setzt sich auf einen Klavierhocker, wendet sich zur Kamera und sagt: »Willkommen zurück! Es ist ein sehr stiller Abend – keine schöne Stille, aber so ist es eben.« Und dann erklärt er leise, warum er gleich Schumann spielen wird.

Der 32-Jährige gilt als einer der besten Pianisten der Gegenwart. Sein Klavierspiel verbinde »klanglichen Charme, intellektuellen Antrieb und technische Brillanz«, schrieb The New Yorker. Und die FAZ bescheinigte ihm, er sei »einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts«. Doch einer breiten Öffentlichkeit ist Levit wahrscheinlich weniger wegen seiner bahnbrechenden Beethoveninterpretationen bekannt als wegen seines gesellschaftlichen Engagements: Er gibt Konzerte für Fridays for Future und warnt vor Antisemitismus und Rassismus. In Artikeln und Interviews, aber vor allem auf Twitter, ist er präsent.

Dort streamt er derzeit auch regelmäßig Hauskonzerte. Jeden Abend um 19 Uhr kann man ihn live erleben »bis wir uns alle wieder gemeinsam, real, nah beieinander versammeln und Kunst erleben können«. Zunächst gibt er eine kurze Einführung in das ausgewählte Stück, und dann spielt er: Schubert, Bach, natürlich Beethoven, und eben Schumann.

Der Klang ist – technikbedingt – unterirdisch. Am Computer einem einsamen Spieler zu lauschen, das hat mit einem normalen Konzert wenig zu tun. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten? Es ist die Geste, die berührt: Ein Ausnahmetalent, dem sonst nur wenige Menschen jemals so nahe kommen können, lädt die Zuhörer zu sich ins Wohnzimmer ein, weil er ihnen Mut machen will. »Die Konzertsäle sind leer«, sagt Levit. »Gemeinsames Hören und Erleben von Musik ist nicht möglich. Das ist traurig, jedoch notwendig.«

Sich selbst nennt Levit »Mensch. Bürger. Europäer. Pianist.« Diese Reihenfolge ist ihm wichtig. »Lieber spiele ich kein Klavier mehr, als dass ich mein Engagement aufgebe«, hat er einmal gesagt. Im November erhielt Levit, der Jude und in Russland geboren ist, vor einem Konzert Morddrohungen. Er trat trotzdem auf. Danach schrieb er im Tagesspiegel, er habe Angst. »Nicht um mich, sondern um dieses Land. Mein Land. Unser Land.«

Für sein

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen