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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2020
Berühre mich!Aber fass mich nicht an
Leben, lachen, glauben in Corona-Zeiten
Der Inhalt:

Die gute Spannung

von Eva-Maria Lerch vom 27.03.2020
Spiritprotokoll: Bei einem Kurs im Kloster hat Katrin Dörr Eutonie entdeckt. Seit sie die Übungen regelmäßig macht, fühlt sie sich aufgerichtet

Früh am Morgen, wenn mein Mann und die Kinder noch schlafen, lege ich mich als Erstes auf meine Schafwollmatte und spüre meinen Körper im Kontakt zum Boden: Wie finde ich mich vor? Ich achte darauf, dass ich gerade liege, die Arme seitlich neben dem Körper. Vom Kreuzbein aus spüre ich schräg in den Boden hinein in Richtung der Fersen, dann wende ich mich dem rechten Oberschenkel zu. Der Oberschenkel spürt ebenfalls schräg in den Boden hinein, dann die Kniekehle, der Unterschenkel, die Achillessehne. Das alles geschieht langsam, still und ohne zu werten. Manches, was blockiert oder verhärtet ist, löst sich einfach nur dadurch, dass man da liegt und wahrnimmt. Es geht nicht ums Machen, sondern ums Lassen.

Diese Übungen kommen aus der »Eutonie«, das heißt übersetzt »guter Tonus« oder »Wohlspannung«. Es geht also darum weder entspannt noch verspannt, sondern in einer guten Spannung zu sein, die dem Körper gemäß ist. Die Eutonie-Übungen, wie ich sie praktiziere, wurden von der Rotkreuzschwester, Masseurin und Atemtherapeutin Hanna Scharing entwickelt und sind auch unter der Bezeichnung »Rhythmus-Atem-Bewegung (RAB)« bekannt geworden. Sie hat das im Laufe eines lebenslangen Arbeitsprozesses mit Patienten entwickelt, die unter Schmerzen oder neurologischen Erkrankungen litten und mit medizinischen Methoden nicht mehr weiterkamen. Ziel des Übungsweges ist es, den eigenen Lebensrhythmus zu erkennen, ihm zu vertrauen und besser mit sich in Kontakt zu kommen.

Nachdem ich mich dem rechten Bein gewidmet habe, vergleiche ich es mit dem linken – und es ist erstaunlich, wie viel lebendiger, präsenter und durchströmter sich das Bein in dieser Wohlspannung anfühlt, obwohl ich es doch kaum bewegt, sondern nur wahrgenommen habe. »Vergleichen, ohne zu werten«, diese Ansage einer früheren Kursleiterin klingt wie ein Mantra in mir nach. Dann wende ich mich in der gleichen Weise dem linken Bein zu, danach dem Kopf und dann von oben nach unten auch allen anderen Körperteilen. Um etwas Greifbares in der Hand zu haben, halte ich zwei Holzeier in den Handinnenflächen. Unter meinen Nacken lege ich manchmal ein halbrundes Eschenholz, um meine verhärtete Muskulatur zu »wecken«. Wenn ich mit dem Nacken senkrecht durch dieses Holz diesen Widerstand zum Boden spüre, fühle ich oft, wie Ängste und Verkrampfungen von mir abfließen und ich wacher da bin.

Eigentlich bin ich eher ein unruhiger und auch

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