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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2017
Angriff auf die freie Wahl
Wie Datenjäger die Demokratie gefährden
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Kuchenschlacht

vom 24.03.2017

Als ich 2011 mit meiner Tochter schwanger wurde, kaufte ich zwei Dinge: ein iPhone und eine Muffinform. Das iPhone wollte ich ganz lässig auf dem Spielplatz zücken, um zu signalisieren: Ich habe da zwar diesen kleinen Menschen dabei, aber auch wenn ich Mutter bin, weiß ich doch noch, was man mitführen muss, um cool und urban herumzusitzen. Die Muffinform bestellte ich, weil ich wusste: Mütter, das sind die, die immer Selbstgebackenes hervorzaubern, quasi aus dem Nichts: »Du willst kurz vorbeikommen? Prima, ich mach uns ein paar Kirschmuffins. Ich nehm auch immer ein Drittel weniger Zucker, als im Rezept steht.«

Apple-Gerät und Backblech mit zwölf Mulden: Beide Anschaffungen entpuppten sich als fatal. Mit iPhone auf dem Spielplatz herumsitzen, das wurde mir noch vor Beginn des Rückbildungskurses klar, ist zu Recht verpönt. Und schlimmer, als am Sandkasten zu rauchen. Und Muffins können nichts. Außer krümeln.

Manchmal denke ich, die kleinen Küchlein mit der geriffelten Papierhülle sind auch ein Symbol. Sie stehen für all das, was sich im Elternleben nach der Geburt ändert. Kinderhaben ist nämlich toll. Aber an manches muss man sich erst gewöhnen. Spontan mit Rotwein vorbeikommende Freundinnen sind Geschichte. Selbst der kleine Bruder zaubert zum Baby-Begrüßungsbesuch kein kühles Sixpack aus dem Skaterrucksack, sondern eine Tupperdose. Mit Kokosmuffins. Schon das Wochenbett füllt sich mit Bröseln.

Bleibt das jetzt so? Will niemand mehr meinen gedeckten Apfelkuchen? Meine Chili-Mango-Creme? »Muffins gehen so schön schnell«, sagen die Besucherinnen. »Kannst du auch gut einfrieren.« Und das ist erst der Anfang. Später folgt die Krümelmonstertorte mit selbstgekneteten Marzipan-Kulleraugen (nicht vergessen: Bild auf Facebook posten!). Fehlendes Talent ist keine Ausrede. Wer Spielbesuch empfängt, hat mindestens ein paar Muffins da. Muffins passen perfekt in Kleinkinderhände. Weil der Teig so toll fluffig ist (Sprudelwasser hineinrühren!), gehen aber leider auf dem Weg von Kinderhand zu Kindermund immer zwei Drittel verloren. Diese zwei Drittel fallen dann auf selbstgenähte Eulenhosen. Auf frisch verlegtes Parkett. Oder in Polsterritzen. Als wir drei Jahre nach unserem ersten Kindergeburtstag umzogen, fanden wir noch likörgelbe Krümel der eifreien Apfelmuffins von der Konsistenz feuchten Nordseesands hinter der

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