Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2016
Der neue Mensch
Jens Reich über Fluch und Segen der Gen-Medizin
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Meine Heimat ist hier«

von Dagmar Gester vom 25.03.2016
Farzana Unger (39) aus Pakistan lebt mit ihrem deutschen Mann in Berlin. Den Traumjob ihres Lebens hat sie gefunden: Stadtteilmutter

Ich bin nicht mehr die Farzana von früher. Früher habe ich mich nicht getraut zu fragen, wenn ich etwas nicht verstanden habe, jetzt bin ich viel offener. Das ist so, seit ich Stadtteilmutter geworden bin.

Ich bin seit einem Jahr dabei, aber die Neuköllner Stadtteilmütter in Berlin gibt es schon mehr als zehn Jahre. Es ist ein Projekt für arbeitslose Frauen nichtdeutscher Herkunft, vorrangig türkischer und arabischer Muttersprache, und es geht darum, die Familien aus unserer Community zu erreichen. Wir bekommen sechs Monate lang eine Fortbildung zu Themen der Erziehung, Bildung und Gesundheit. Dann ziehen wir los mit unserem Infomaterial.

Ich bin zwar Pakistani, aber die meisten, die ich berate, haben einen türkischen Hintergrund. Wir sprechen Deutsch miteinander, sie verstehen die Sprache inzwischen sehr gut. Doch sie wissen nicht, wie sie ihr Kind zur Kita anmelden können, wo sie Wohngeld erhalten oder was zu tun ist, wenn das Kind in der Schule gemobbt wird. In allen Belangen, in denen es um Gesundheit und Bildung geht, sind wir da, um zu helfen. Und auch bei Problemen innerhalb der Familien. Ich habe oft erlebt, dass Frauen nicht wollen, dass ihre Männer erfahren, dass sie vergewaltigt worden sind. Dann treffen wir uns außerhalb der Wohnung, in einem Café oder auch in unserem Büro im Neuköllner Rathaus.

Es ist die erste Arbeit in meinem Leben. Ich habe in meiner Heimat nie gearbeitet, mein Vater hat gut verdient, genug für uns alle. Und das ist die Tradition in Pakistan, dass fast alle Frauen zu Hause sitzen und die Männer arbeiten. Früher zumindest war das so, Pakistan ist moderner geworden in den vergangenen Jahren.

Durch meinen deutschen Ehemann, ich habe ihn in Pakistan geheiratet, bin ich nach Deutschland gekommen. Das war 1999, ich war damals 23 Jahre alt, und das war ein supertolles Experiment. Mein Mann ist ein wunderbarer Partner. Anfangs, klar, da war es schwer, ich hatte Ängste wegen der Sprache, der Kultur. Aber Gott sei Dank verstehen wir uns sehr gut, wir sind eher Freunde als Ehepartner. Ich habe nie von ihm gehört, dass ich irgendetwas nicht machen darf. Ich habe alle Freiheiten. Zum Beispiel das Kopftuch, das war meine Entscheidung. Er sagt auch nichts, wenn ich spät nach Hause komme. Oder ob ich arbeite oder nicht. Wenn er in seinem Leben Rechte habe, so habe ich die auch. Wir sind in Deutschland. Und er ist zufrieden

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen