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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2016
Der neue Mensch
Jens Reich über Fluch und Segen der Gen-Medizin
Der Inhalt:

»Ihr seid doch naiv!«

von Gunhild Seyfert vom 25.03.2016
Wie verändern sich muslimische und christliche Gemeinden durch Flüchtlinge? Eine Nahaufnahme

Am Sonntag ist die Kirche jetzt immer voll. Wo früher manches Mal die Bänke leer blieben, sitzen jetzt Flüchtlinge. Zur kleinen orthodoxen Gemeinde »Heilige Mutter Gottes Maria«, die ihre Gottesdienste traditionell auf Arabisch feiert, gehören mittlerweile geflüchtete Christen aus Syrien und dem Irak, die in und um Osnabrück leben. Die gemeinsame Sprache ist der Ankerpunkt. Aber wie verändern Menschen, die Erfahrungen von massiver Verfolgung und Vertreibung mitbringen, das Leben der Gemeinden hierzulande? Diese Frage stellt sich nicht nur für die christlichen, sondern auch für die muslimischen Gemeinden.

Das mit Gold und Ikonenen üppig geschmückte Gotteshaus »Heilige Mutter Gottes Maria« gehört der rum-orthodoxen Kirche, deren Wurzeln bis ins fünfte Jahrhundert zurückreichen und die in Antiochien, der heutigen Südtürkei, ihr geistiges Zentrum hat. Gegründet wurde die Gemeinde in Osnabrück vor zwanzig Jahren von Frauen und Männern, die aus der Südosttürkei nach Deutschland kamen, um Arbeit zu finden. Mittlerweile führen türkischstämmige Deutsche, die in zweiter Generation hier leben, die Gemeinde. Circa 10 000 rum-orthodoxe Christen leben in Deutschland. Ihre Kirche gilt als relativ progressiv unter den Orthodoxen.

Toleranz oder Desinteresse?

»Wir haben hier unsere zweite Heimat gefunden«, sagt Antouan Rezek (39), der vor zwei Jahren aus Syrien floh. Mittlerweile ist seine Frau mit den beiden Kindern nachgekommen. In der Gemeinde fand er Halt in der Fremde. Antouan singt im Chor und hilft anderen Flüchtlingen. Nach dem Gottesdienst sitzt man bei Kaffee und Kuchen zusammen. Viele haben einen Brief dabei, von der Krankenkasse, dem Arbeitsamt oder der Ausländerbehörde, und hoffen auf Hilfe bei der Übersetzung und beim Kontakt mit Behörden. Ihr Glaube sei bei vielen Flüchtlingen das Einzige, was ihnen noch geblieben sei, meint Jaklin Ögütveren, eine der Frauen, die seit vielen Jahren dort ehrenamtlich engagiert ist. »Der Glaube ist noch wichtiger geworden, er ist eine Stütze.« Ist er bei einigen auch erschüttert oder verloren gegangen? Darüber möchte man vor der Reporterin im großen Kreis nicht sprechen. Den Glauben aufzugeben ist keine Option.

Die geflohenen Christen sind angekommen im christlichen Abendland. Aber vieles, was sie erleben, hatten sie sich nicht so vorgestellt. Zum Beispiel, dass zum Gottesdienst die Kirchen hierzuland

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