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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2014
Das Genmais-Komplott
Wie Konzerne eine Technologie durchsetzen, die keiner will
Der Inhalt:

Betende Hände auf der Wade

von Michael Hollenbach vom 28.03.2014
»Hier wird keiner blöd angeguckt«: Im Oldenburger Tattoo-Studio La Donna reden Menschen regelmäßig über Gott und ihre Probleme – eine offene Gemeinschaft von Sinnsuchern

Michaela Otholt sticht in ihrem Tattoo-Laden La Donna Herzen, Kreuze und Lilien unter die Haut. Doch alle vier Wochen öffnet die Frau mit der Leopardenhose und den lockigen braunen Haaren abends ihr Studio auch für die Sinnsucher unter ihren Kunden. Unter dem Titel »FreshX Inspirations« laden Michaela Otholt und der evangelische Pastor Björn Völkers die Oldenburger Tattoo-Szene ein: »Wer immer du bist, was auch immer du glaubst, wo auch immer du dich befindest auf deiner Lebensreise, wen auch immer du liebst, du bist willkommen«, so steht es auf einem hellblauen Einladungs-Flyer geschrieben. »Das ist hier ein Ort, wo jeder hinkommen kann und wo keiner blöd angeguckt wird«, sagt die Tattoo-Lady. Gefragt, ob sie religiös sei, antwortet die 44-Jährige knapp: »Nein. Aber katholisch.« Auf ihrem Oberarm hat sie sich den Spruch stechen lassen: God is busy. Can I help you?

Evangelisch und religiös ist Björn Völkers. Er ist Pastor der Landeskirchlichen Gemeinschaft, einer evangelikalen Gruppe innerhalb der evangelischen Landeskirchen. Der schwergewichtige Pastor verrät, dass auch er – ganz dezent – tätowiert sei: Ein Vertrauensvorschuss in dem kleinen Gesprächskreis, der sich an diesem Mittwochabend hier versammelt hat. Der Theologe mit dem silbernen Ohrenschmuck sagt ganz offen, dass er hier auf Menschen stoße, die er in seiner Gemeinde nie erreichen würde, weil die gar nicht ins Gemeindebiotop passen. So hat er neulich im Tattoo-Laden einen Transvestiten kennengelernt. In seiner Gemeinde würden alle nur die Nasen rümpfen, wenn der dort auftauchen würde, vermutet er.

Björn Völkers sitzt unter einem etwas kitschig funkelnden Lebensbaum und begrüßt das knappe Dutzend, das sich heute Abend zusammengefunden hat. Zu der Gruppe, die sich nun zum dritten Mal trifft, gehört auch Dirk Jürgens. Er zeigt auf seine rechte Wade, wo er sich ein christliches Motiv – die »Betenden Hände« von Albrecht Dürer – hat stechen lassen. »Das sind die schützenden Hände für meine Eltern, die habe ich ihnen gewidmet.« Dann zieht er sein T-Shirt aus und dreht sich um. Den Rücken ziert ein großes Kreuz. »Vor drei Jahren wollte ich von der Brücke springen«, sagt der 37-Jährige unvermittelt. Nach dem Suizidversuch hat er sich auf seine linke Wade ein kleines Kreuz stechen lassen. Daneben steht unter die Haut geritzt: »Der Himmel kann warten.« – »Totenköpfe sind nicht so me

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