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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2013
Unser Papst?
Der Inhalt:

Lebensmüde

von Monika Herrmann vom 22.03.2013
Sie haben Angst vor Abhängigkeit, Entmündigung,
Einsamkeit und einem Leben im Heim.
Wenn alte Menschen sterben wollen

Sie hat sich einfach umgebracht. Die Nachricht schockte ihren Mann, die Kinder und auch die Nachbarn im Haus. Anna Ebel (Name geändert) kannten alle in der Siedlung. Eine immer fröhliche Frau, die hilfsbereit war und für jeden ein gutes Wort hatte. Warum bringt solch eine Frau sich um? An einem warmen Sommertag sprang die 76-Jährige vom Balkon ihrer Wohnung im fünften Stock, während ihr Mann im Wohnzimmer saß und Zeitung las. Anna Ebel war zuerst auf einen Stuhl geklettert, den sie an der Brüstung des Balkons platzierte, und ließ sich dann wohl einfach fallen. So rekonstruierte die Polizei später den Suizid. Sie lag auf einem Rasenstück vor dem Haus, als sie entdeckt wurde. Der Notarzt stellte ihren Tod fest. Ihr Mann sagte später, seine Frau habe an Depressionen gelitten und dass sie deshalb ärztlich behandelt wurde.

Alle 47 Minuten begeht ein Mensch in Deutschland Selbstmord. Studien der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention sprechen von etwa 11 000 Suiziden pro Jahr. Fast die Hälfte davon sind Selbsttötungen oder Versuche, die von alten und sehr alten Menschen begangen werden. Doch die Dunkelziffer sei hoch, heißt es in einer Untersuchung der Berliner Charité. Der Rechtsmediziner Peter Klostermann hat dazu zahlreiche »Fälle« untersucht. Er hat Abschiedsbriefe von Menschen gelesen, mit Angehörigen und Hausärzten gesprochen, um die Hintergründe für die Selbstmorde oder Selbstmordversuche zu analysieren. In Interviews erklärt Klostermann, dass die Gründe für einen Selbstmord bei alten Menschen fast immer die gleichen seien: Angst vor dem, was kommt, Angst vor schweren Krankheiten, vor dem Heim. Die Alten wollen niemandem zur Last fallen. Depressionen, chronische Schmerzen und vor allem Einsamkeit verstärken die Todeswünsche. Aber ihr Selbstmord wird längst nicht immer als Selbstmord diagnostiziert. Es sei denn, alte Menschen werfen sich vor die einfahrende S-Bahn, springen aus dem Fenster, vom Balkon eines Hochhauses oder erhängen sich. Wenn Angehörige oder die Polizei auf einer Obduktion bestehen oder ihre Beobachtungen mitteilen, wird – manchmal – Suizid als Todesursache festgestellt. Gerichtsmediziner sind aufgrund der zahlreichen Suizide ohnehin mit Arbeit überlastet. Außerdem ist Selbstmord ein absolutes Tabuthema in der Gesellschaft. Doch die Zahlen der Suizide sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestieg

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