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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2013
Unser Papst?
Der Inhalt:

den Zauber brechen

von Hans-Jürgen Benedict vom 22.03.2013
Rauschhafte Verführung.
Über das Hören und Sehen
von Wagner-Opern und
eine verhaltene Rede zum
200. Geburtstag

Wagner habe ich mich langsam angenähert. Die erste überwältigende Hörerfahrung war der Schluss der Götterdämmerung mit Christa Ludwig als Brünhilde und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter dem berühmten Wagner-Dirigenten Hans Knappertsbusch. »Starke Scheite richtet mir auf«, dann ruft sie ihr Ross Grane und reitet ins Feuer, eine selbst angerichtete archaische Witwenverbrennung. Die Klangmassen auftürmende Musik überwältigte mich derart, dass ich nicht wusste, wie mir geschah. Ich schwamm im Klang, wurde von ihm davongetragen, darüber und dazwischen die Stimme der Ludwig. Immer neue Steigerungen, bis der Klang wie eine Riesenwelle über mir zusammenschlug und ich nach Luft schnappte. Es war überwältigend, ich fühlte mich ausgeliefert. Was war mit mir geschehen?

Als Mittel der Ernüchterung las ich Theodor W. Adornos »Versuch über Wagner«. Was ich davon verstand, war die Warnung vor dem Rauschhaften und vor der Verherrlichung des Nichtigen, vor einer heidnischen Remythisierung. »Die wahre Idee der Oper, die des Trostes, vor dem die Pforten der Unterwelt sich öffnen, ist verloren gegangen.« Hinzu kam Wagners gebieterisches Gehabe und sein Spott über die Juden. Den jüdischen Dirigenten Hermann Levi, der die Uraufführung des Parzival leiten sollte, demütigte er auf schlimmste Weise, legte ihm nahe, sich vorher taufen zu lassen. Erst einmal wollte ich deswegen nichts mehr hören von dem Bayreuther Gesamtkünstler, der nicht nur antisemitisch getönte Schriften verfasst, sondern dessen rauschhafte Musik den deutschen Weg in den schrecklichen Weltkrieg und die Vernichtung der europäischen Juden begleitet hatte.

Aber dann ließ ich mich Mitte der 1960er-Jahre von einem guten Freund überreden und ging mit ihm in eine Aufführung der Meistersinger von Nürnberg in der Hamburgischen Staatsoper. Und ich konnte mir nicht helfen, mir gefiel die Oper schon von der ersten Szene an – in der Kirche erklingt ein Gemeindechoral, der Johannes den Täufer zum Thema hat, »Edler Täufer, Christs Vorläufer, nimmt uns gnädig an, dort am Fluss Jordan«. Es reimte sich um den Preis der falschen Betonung. Zwei junge Menschen, Eva und Walther von Stolzing, wechseln während der Liturgie heftige Blicke und verlieben sich, das gefiel mir ausnehmend (war ich doch selber zu dieser

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