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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2013
Unser Papst?
Der Inhalt:

»Dies ist ein heiliger Ort«

von Peter Otten vom 22.03.2013
Theater in der Kirche: Die »Rheinischen Rebellen« spielen ihr Stück über die Zehn Gebote und machen ein Gotteshaus lebendig

Ein schwarzes Fünfeck. Darin große Sitzblöcke für die Zuschauer. Ein Zelt im Kirchenzelt. Die Seitenwände werden sich im Laufe von zweieinhalb Stunden immer wieder öffnen. Sie geben für die Dauer einer Szene den Blick frei auf Kircheninterieur und rahmen es neu: Altar und Ambo, Orgel und Beichtstuhl. Die Zuschauer drinnen im Zelt. Die Schauspieler drumherum.

Zu Beginn der Aufführung erzählen die jungen Akteure etwas von sich: »Ich glaube an Gott«, sagt da einer, »aber ich glaube nicht an irgendwelche Schriften. Der Glaube ist etwas, was einen am Leben erhält, was aber schnell in Fanatismus umschlagen kann.« Marie ist evangelisch, »weil es im Pass drinsteht«. Doch sie glaube nicht an Gott. Herbert hat sich informiert: Der Kirchenaustritt kostet dreißig Euro. Daher stand er vor der Entscheidung: »Trete ich aus der Kirche aus oder kaufe ich mir eine neue Badehose?« Das Publikum lacht.

»Sofatexte« nennt Regisseurin Anna Horn diese Monologe, die das Stück genauso strukturieren wie die Songs und Choreografien: »Sie sind auf dem Sofa entstanden, als wir sonntags zusammensaßen.«

Die Theatergruppe Rheinische Rebellen wurde im August 2008 am Kölner Schauspiel gegründet. Seitdem können sich jedes Jahr im August, zu Beginn einer Spielzeit, Jugendliche zwischen 15 und 23 Jahren bei der Truppe bewerben. In diesem Jahr sind es 17, die zusammen ein Stück entwickelt haben. Jeder bringt ein, was er am besten kann: Die einen spielen, die anderen nähen und schneidern, die nächsten singen und tanzen. Klassisches »Work in progress«. In ihren Produktionen geht es um ihre Wünsche, ihr Quartier, ihre Stadt, ihre Wurzeln. Da liegt auch das Thema Religion nah: Schließlich geht es um Orientierung.

Szene für Szene werden die Gebote beleuchtet; flüchtig auf Pappe gekritzelt werden sie hochgehalten: Nichts ist mehr übrig von in Stein gemeißelten Gewissheiten. Eine Frau singt »One«, einen Song von Aimée Mann, in ein Mikrofon: »Die Eins ist die einsamste Zahl, viel schlimmer als die Zwei. Eins kommt raus, wenn man Zwei teilt.« Ist ein Gott wohl einsam? Ist »ein Gott« überhaupt eine kluge Idee? Währenddessen werden an einem anderen Fenster Gewehre verteilt. Keine anderen Götter neben mir! Und doch gibt es sie: Schönheit, Perfektion, Konsum.

Von 1962 bis 1965 wurde die Kirche St. Gertrud von

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