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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2012
Gesellige Einzelgänger
Pilgern: Sich selbst auf der Spur – und vielleicht auch Gott
Der Inhalt:

Sure unterm Kreuz

von Judith Kubitscheck vom 04.05.2012
Weil beim »Oratorium für den Frieden« auch Koranverse in der Kirche gesungen werden, gibt es heftige Proteste

Polizeibeamte und eine kleine Gruppe von Demonstranten stehen am Eingang der Ludwigsburger evangelischen Friedenskirche. »Ich bin gegen Allah in unserer christlichen Kirche«, steht auf einem der Schilder. Wer zum Konzert des Oratoriums »Dona nobis pacem« will, muss an ihnen vorbei – und an Türstehern, die darauf achten, dass nur Besucher der Uraufführung in die Friedenskirche gehen.

Zweieinhalb Jahre schrieb der Komponist Tilman Heiland an dem »Oratorium für den Frieden«, das in den baden-württembergischen Städten Ludwigsburg und Fellbach aufgeführt wird. Dass sein Werk für Furore sorgen wird, weil darin neben anderen religiösen Texten und Gedichten auch die erste Sure des Korans vorgetragen wird, hätte der Musiker nicht gedacht. »Genau das Gegenteil war meine Absicht.« Mit seinem Werk für Solisten, Chor, Orchester und Orgel wolle er zeigen, dass es – gemäß dem Weltethos-Projekt – keinen Frieden auf der Welt ohne Frieden zwischen den Religionen gebe, betont Heiland.

In der Woche vor dem Konzert habe es eine »ziemlich üble Internetkampagne« gegeben. Dort wurde den Veranstaltern vorgeworfen, sie würden Kinder dazu zwingen, das islamische Glaubensbekenntnis öffentlich abzulegen, berichtet Tilman Heiland. Das sei aber »völlig falsch«, denn er habe für sein Friedensoratorium bewusst nicht das Glaubensbekenntnis, sondern die erste Koransure gewählt. Einige Eltern hätten ihre Kinder aus dem Chor genommen, als sie erfuhren, dass dort Koranverse gesungen werden.

Die Friedenskirche ist bis auf den letzten Platz besetzt, mehrere Chöre stehen im Altarraum unter zwei großen Marmorkreuzen und einer riesigen goldenen Jesus-Figur. Glocken sind zu hören und Schläge, die an Gewehrschüsse erinnern. Ähnlich wie in Benjamin Brittens »War Requiem« will Heiland den Schrecken von Krieg und Unterdrückung darstellen, aber auch mit geistlichen Texten zeigen, dass es Hoffnung gibt. »Schma Jisrael, Adonai elohenu …«. Der Chor singt wie mit einer Stimme das jüdische Glaubensbekenntnis. Ein hinduistisches Mantra folgt, danach noch einmal das »Schma Jisrael«.

Plötzlich richten sich die Besucher in den Kirchenbänken gespannt auf. Ein Trommelwirbel, die Orgel setzt ein. »Bismillahirahmanirahim« – »Im Namen Gottes, des barmherzigen und gnädigen Gottes …« singen Kinder mit klaren Stimmen von der Empore. Wenige Minuten z

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