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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2011
Tschernobyl. Fukushima. Aussteigen für immer
Der Inhalt:

Da ist kein Gott, der eingreift

von Eugen Drewermann vom 07.07.2011
Von der Unmöglichkeit, Gott aus der Schöpfung zu erkennen. Was Charles Darwin lehrt und Teilhard de Chardin vernebelt. Eine Klarstellung

Missverstanden fühlt sich der Theologe und Publizist Eugen Drewermann von dem Naturphilosophen Christian Kummer. Beide hatten in der Ausgabe 2/2011 kontrovers zu der Frage Stellung genommen, ob man sich von der Vorstellung eines Schöpfergottes verabschieden müsse oder nicht.

Es war einmal eine Zeit, da man mit Haydn die Worte aus Psalm 19 singen mochte: »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre …« Die Welt schien schön, geordnet, weise – in ihr manifestierte sich die Majestät des Schöpfers. Es war unmöglich, nicht an Ihn zu glauben. Die Anmut eines Kätzchens – kein blinder Zufall, nur die planende Vernunft des Schöpfers konnte dieses Meisterwerk an Eleganz gebildet haben. Der Schöpfungsoptimismus des ersten Buches Moses schien evident.

Dann aber sehe man die nachtsichtigen Augen dieses Kätzchens, die dolchartigen Zähne seines Mundes, die scharfen Krallen seiner sammetweichen Pfoten, und man begreift den grausigen Aspekt der Wirklichkeit: All diese Grazie hat einen einzigen Zweck – zu töten und für eine Weile wenigstens noch gegen den Tod anzuleben. Der Teufel, sagt man, habe die ursprüngliche Schöpfungsordnung für eine Weile verwirrt. Hilfloser kann keine Theologenauskunft sein.

Friss oder stirb. Kämpfe oder vergehe. Erweise dich als stärker oder trete ab. So lautet das »Gesetz« im Herzen alles Lebenden. Ein rühmenswerter Gott der Liebe ist da nicht zu sehen. »Ich möchte nicht Gott sein«, meinte der Philosoph Arthur Schopenhauer, »das Leid der Kreaturen griffe mir ans Herz.« Er war der Erste, der begriff, dass das Unmaß an Qual und Leid in allem Lebenden den naiven Glauben an den »Schöpfer« widerlegt. Erdbeben, Tsunami und Tausende von Toten in Japan sind ein neues, schreckliches Beispiel dieses unsäglichen Leidens. Kein Teufel könnte so viel Grausamkeit prachtvoller eingerichtet haben –, Dionysos als Gott, ein trunkener Bacchant, der rein aus Gründen der Ästhetik Blut und Schleim und Tränen zu Lieblingsfarben nimmt, schwärmte in Schopenhauers Schule der Philosoph Friedrich Nietzsche.

Die wirkliche Bedeutung des Naturforschers Charles Darwin liegt an dieser Stelle: Er nahm das Grässliche, das Grausame, das Spiel des Sinnlosen, Absurden, Ungerichteten, Zufälligen nicht als ein Teilmoment des Lebens. Er sah im Überlebenskampf der Arten (im Egoismus der Gene, sagen wir heute) die Erklärung dafür, dass die Welt ist, wie sie ist. Ein Gott, um sie zu beg

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