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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2019
Und die Demokratie lebt doch!
Schülerstreiks, Bienen-Volksbegehren, Frauenrechte
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Vortänzer

Wir haben unsere Kinder in guter Alt-Achtundsechziger-Tradition, sprich: antiautoritär erzogen. Das heißt auch: keine Ohrfeigen und keine Prügel. Und ich würde sagen: Es hat ihnen nicht geschadet. Echt nicht! Ja, meine Frau und ich hatten uns schon vor der Geburt der Kinder geeinigt: Wir werden unserem Nachwuchs viel zutrauen und ihn zu nichts zwingen.

Und siehe da: Selbst in den Bereichen, in denen es doch sinnvoll scheint, Spielregeln aufzustellen, kam es nie dazu, dass wir wüste Sanktionen wie Taschengeld-Entzug, Hausarrest, Medienverbot oder gar Zwangsernährung mit Brokkoli hätten verhängen müssen. Die Kinder haben sich tatsächlich benommen, als wüssten sie auch so, was gut für sie ist.

Ich dachte schon, jetzt wäre alles pädagogisch wertvoll eingespurt, bis meine Frau eines Tages ihr wahres Gesicht zeigte. Denn plötzlich hörte ich sie unserem Sohn energisch erklären: »Mir ist völlig egal, was du willst. Du gehst gefälligst zum Tanzkurs. Hast du mich verstanden?« Hatte er nicht. Vielleicht auch, weil ihn dieser diktatorische Tyranninnen-Ton (hier passt die gendergerechte Form endlich mal) so überrascht hatte.

»Aber warum?« Verzweiflung überzog sein Gesicht. Als empathischer Vater stellte ich mich sofort hinter ihn: »Ja, warum?«

Das hätte ich nicht fragen sollen. Denn meine Frau sah mich böse an: »Damit ihm nicht das gleiche Elend widerfährt wie dir: Du hattest als Jugendlicher keinen Tanzunterricht – und heute bewegst du dich auf der Tanzfläche wie ein angeschossenes Wisent. Ja, gegen dich ist ein Betonmischer grazil. Ich möchte einfach nicht, dass unser Sohn so endet wie du …«

Hilflos stotterte ich: »Aber ich habe doch mit vierzig mit dir extra einen Tanzkurs besucht.« Sie gab einen Laut von sich, der nur als höhnisch bezeichnet werden kann, und fauchte: »Genau, und da haben wir ja gesehen: Was man als Jugendlicher versäumt, kann man nie mehr aufholen. Du trampelst planlos umher, kannst Cha-Cha-Cha nicht von Foxtrott unterscheiden – und vor allem führst du mich nicht so, wie ich es will.« Ihre Miene sagte mir, dass ich trotz dieses Paradoxons besser nicht weiter insistieren sollte. Nur mein Sohn rief: »Ich geh aber trotzdem nicht hin!«

Von wegen. Meine Frau verbündete sich mit mehreren anderen Müttern unwilliger Klassenkameraden – und diese konspirative Amazonen-Clique meldete d

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