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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2019
Und die Demokratie lebt doch!
Schülerstreiks, Bienen-Volksbegehren, Frauenrechte
Der Inhalt:

Von wegen Superfrauen

von Karin Finkenzeller vom 08.03.2019
Französinnen vereinbaren scheinbar spielerisch Beruf und Familie – so das Klischee. Die Realität sieht häufig anders aus

Irgendwann hatte Myriam Levain genug vom Druck und den ständigen Fragen: Sie buchte eine Reise nach Barcelona. Seit gut einem Jahr hat die 36-jährige Französin dort im Gefrierschrank einer Kinderwunschklinik 13 Eizellen liegen. »Das gibt mir ein paar Jahre Aufschub«, sagt sie. Aufschub in einem Land, dessen Frauen nach gängiger Darstellung mit französischer Leichtigkeit Beruf, Haushalt und Kindererziehung meistern?

Wer nicht beizeiten für Nachwuchs sorgt, darf sich der mal mit sorgenvollem, mal mit vorwurfsvollem Unterton formulierten Frage stellen, die Levain zum Titel ihres Buches machte: »Et toi tu t‘y mets quand?« Auf Deutsch: Und wann legst du los? Doch viele junge Französinnen widersetzen sich neuerdings der gesellschaftlichen Erwartung, ab spätestens Ende zwanzig in möglichst rascher Folge drei Kinder zur Welt zu bringen und wenige Wochen nach den Geburten wieder ganztags zu arbeiten. Denn der Mythos von den Superfrauen verbirgt eine häufig harte Realität.

»Eine Frau ohne Kinder wird bei uns scheel angesehen«, sagt Levain. Immer noch ist die Warnung des Nachkriegspräsidenten Charles de Gaulle fest verwurzelt, dass nur ein zahlenmäßig großes Volk Schutz vor einem erneuten feindlichen Angriff biete. »Wir haben keine Vorbilder wie eine kinderlose Bundeskanzlerin Angela Merkel«, bedauert Levain. »Im Gegenteil: Deutschland gilt als Land, das entweder an seinem demografischen Problem scheitern wird oder in dem Frauen am Herd stehen, sich finanziell von ihren Männern abhängig machen und in Altersarmut enden.«

Stattdessen werden Frauen wie die Chefin des Energiekonzerns Engie, Isabelle Kocher, die ehemalige Umweltministerin Ségolène Royal oder die amtierende Europaministerin Nathalie Loiseau gepriesen. Kocher hat fünf, die beiden anderen haben jeweils vier Kinder. »Das zeigt, dass man in Frankreich perfekt Erfolg im Beruf und Familie vereinbaren kann«, schwärmte erst jüngst wieder Guy Maugis, Präsident der deutsch-französischen Handelskammer in Paris, bei einer Laudatio auf Loiseau.

»Das stimmt nicht«, widerspricht die Staatssekretärin für Gleichstellungsfragen, Marlène Schiappa. Sie sei »absolut gegen solche Lobeshymnen«, die allen Frauen ein schlechtes Gewissen machten, denen die Vereinbarung von Beruf und Familie nicht so leicht falle wie einzelnen Prominenten mit einem Stab von Kindermädchen und Putzfrauen. N

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