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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2019
Und die Demokratie lebt doch!
Schülerstreiks, Bienen-Volksbegehren, Frauenrechte
Der Inhalt:

Vergewaltigung in der Sakristei

von Michael Schrom vom 08.03.2019
Aufstieg und Fall von Kardinal Pell, ehemaliger Finanzchef im Vatikan und Berater von Papst Franziskus

In Ballarat, 120 Kilometer nordwestlich von Melbourne, ist man stolz auf den rauen Charme der Goldgräberstadt. Wer im 19. Jahrhundert hierherkam, um in den Minen sein Glück zu machen, musste ein harter Kerl sein. Frauen gab es kaum, dafür jede Menge Gewalt und Alkohol. Heute hat Ballarat eine der höchsten Raten von Alkoholismus, Drogenkonsum und Suizid in Australien. Diese Statistik dürfte nicht nur mit dem Erbe der Nach-Nachfahren gescheiterter Glücksritter zu erklären sein. In der katholisch geprägten Kleinstadt haben Netzwerke von Priestern, Ordensleuten und Lehrern Kindern über Jahrzehnte sexuelle Gewalt angetan. Es gab sogar gezielt Anträge pädophiler Geistlicher auf Versetzung nach Ballarat. »Sie müssen gewusst haben, dass in Ballarat ein Ort war, an dem Menschen ungestraft Kinder missbrauchten«, sagte Andrew Collins, Sprecher einer Opfergruppe der Frankfurter Allgemeinen.

Just an diesem »verfluchten Ort« (Collins) wird George Pell als Sohn eines Boxers und einer irischstämmigen Katholikin 1941 geboren. Als Kind wurde er oft operiert, war dem Tod näher als dem Leben. Später entwickelt er jene Qualitäten, die man in Ballarat schätzt. Man nennt ihn den »Bulldozer« – ein Spitzname, der auf seine Kämpfernatur und seine Kompromisslosigkeit anspielt. Mit 18 Jahren hätte er Profispieler bei einem Rugby-Club werden können, entschied sich aber fürs geistliche Amt und wird in Rom geweiht. Als junger Priester kommt er nach Ballarat zurück und wird – protegiert vom Melbourner Bischof Thomas Little – 1987 Weihbischof und 1996 dessen Nachfolger. Spätestens jetzt muss Pell Kenntnis von der pädophilen Gewalt in Ballarat haben. Es ist kaum glaubhaft, dass er zum Beispiel nichts über Gerald Ridsdale wusste, jenen aus Ballarat stammenden pädophilen Priester, der immer nur versetzt wurde. Als Ridsdale 1993 endlich verhaftet wurde, gestand er, über die Jahre 79 Kinder vergewaltigt zu haben.

Dennoch war man im Vatikan der Meinung, dass der ehrgeizige, theologisch reaktionäre Pell einen guten Job mache. 2001 befördert Johannes Paul II. ihn nach Sidney. In jener Zeit genügen Klagen gegen den libertinären Zeitgeist, markige Sprüche gegen Homosexualität und Kampf gegen jegliche theologische Innovation, um sich für höchste katholische Führungsämter zu empfehlen. Pell entspricht diesem Profil perfekt. Kein Wunder, dass ihm bald die Kardinalswürde verliehen wird. Pells Interview in »

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