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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2018
Der Kampf um den Sand
Die Gier nach dem Rohstoff bedroht Mensch und Umwelt
Der Inhalt:

Mit radikaler Geduld

von Anja Boromandi vom 09.03.2018
Einst arbeitete Carlos Benede bei der Polizei im Opferschutz. Heute kümmert er sich um Jugendliche, die niemand will

Von außen wirkt das Weitblick in Dachau wie eine Hotelpension. Doch wer hier eincheckt, macht keinen Urlaub, sondern hat viel Gepäck dabei: seelischen Ballast. »Hier landen die klassischen Systemsprenger, die in kein Schema passen«, erklärt Carlos Benede, ehemaliger Polizeibeamter und Gründer der Jugendhilfeeinrichtung Weitblick. »Es sind Grenzgänger, die lange Heimkarrieren hinter sich haben. Oder Schulverweigerer, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind und häusliche Gewalt erfahren haben.«

Im Aufenthaltsraum sitzt ein Teenager vor dem Fernsehbildschirm. Er ist vertieft in ein »Ballerspiel«, bei dessen Anblick Pädagogen für gewöhnlich kritisch die Augenbrauen heben. »Bei uns ist sowas erlaubt, schließlich sind wir hier nicht im Knast«, sagt Benede. 15 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren wohnen derzeit in der Jugendhilfeeinrichtung, die Benede 2012 zusammen mit Kollegen der Polizei, Juristen und kommunalen Vertretern ins Leben gerufen hat.

Benede war selbst ein Heimkind, das seine Eltern nicht kannte und bei Ordensfrauen, den Dillinger Franziskanerinnen, aufwuchs – in einer liebevollen Umgebung, die seinen weiteren Lebensweg prägte. Nach der Schule zog er von Kalzhofen im Allgäu nach München in ein Wohnheim der Salesianer Don Boscos, um dort eine Lehre als Einzelhandelskaufmann zu absolvieren. Auf dem zweiten Bildungsweg holte er sein Abitur nach und studierte Sozialpädagogik. Einige Zeit arbeitete er als Erzieher, dann folgte eine Zäsur. Er bewarb sich bei der Polizei, begann zunächst beim Rauschgiftdezernat und wechselte später zum Opferschutz.

Mit Blaulicht zur Eisdiele

Im Jahr 2000 änderte sich sein Leben von einem Tag auf den anderen. Ein Familienvater hatte seine Ehefrau in der Küche erstochen. Einziger Zeuge der Tat war der elfjährige Sohn Alex. Die Polizei brachte den Jungen zu Carlos Benede. Der fuhr mit ihm erst mal im Streifenwagen zur Eisdiele – mit Blaulicht. So begann ihre Freundschaft. Als Alex rund ein Jahr später beim Strafprozess persönlich gegen seinen leiblichen Vater aussagen wollte, setzte sich Carlos Benede für den Wunsch des Jungen ein. Es sei ja sonst keiner mehr da, um seine Mutter zu verteidigen, sagte der damals Zwölfjährige.

Alex, der zu dieser Zeit bei einer Pflegefamilie wohnte, fü

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