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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2017
Weisheit aus der Wüste
Das spirituelle Erbe der frühen Christen
Der Inhalt:

»Ich bin Christ und Tänzer«

von Anne Strotmann vom 10.03.2017
Hamburgs Ballett-Chef John Neumeier stellt sich den großen Menschheitsfragen. Jetzt bekommt er den Erich-Fromm-Preis

Das menschliche Leben steht auf der Kippe. Eine große Schräge auf der Bühne bestimmt John Neumeiers Choreografie von 1999 zu Georg Friedrich Händels »Messias«: Menschen straucheln rutschen, fallen. Dazwischen der Messias: Mal verloren und grübelnd, dann wieder entschlossen, das Kreuz zu tragen, das die Tänzerin mit ihrem Körper formt. Intensive Szenen, die unter die Haut gehen. Diese Bilder werden auch die Juroren der Erich-Fromm-Gesellschaft vor Augen gehabt haben, als sie entschieden, Neumeier ihren diesjährigen Preis zu verleihen: »Mit seinem künstlerischen Leben und Wirken hat er wie kaum ein anderer die Kunst zum Botschafter des Humanum gemacht. Es sind oft geplagte, verletzte, gescheiterte Menschen, die äußerlich gebrochen erscheinen, denen John Neumeier in seinen Choreografien eine große innere Würde zu verleihen imstande ist.«

Tänzer wollte Neumeier werden, solange er sich erinnern kann: Der Sohn eines deutschstämmigen Vaters und einer polnischen Mutter, geboren 1939, wuchs in Milwaukee im Mittleren Westen der USA auf. Als er vier Jahre alt war, nahm ihn seine Mutter zu einem Musicalfilm mit ins Kino. »Als wir aus dem Kino nach Hause kamen, wollte ich die Tänze nachmachen. Immer habe ich getanzt.« Klar, dass der Junge Tanzunterricht wollte. Doch seine Eltern nahmen ihn zunächst nicht ernst. Schließlich erlaubten sie dem Achtjährigen, Steppunterricht zu nehmen. Viele Jahre später folgte eine klassische Ballettausbildung in Kopenhagen und London. Nachdem Neumeier bereits in Stuttgart seine ersten Choreografien geschaffen hatte, wurde er 1969 in Frankfurt am Main jüngster Ballettdirektor Deutschlands.

1973 wird er nach Hamburg berufen, ersetzt den Großteil der Hamburger Tänzer und verletzt damit den Stolz der Stadt. Als John Neumeier zum ersten Mal als neuer Chef des Hamburg Balletts vor das Publikum tritt, rechnet er fest damit, ausgebuht zu werden. Vor Aufregung vergisst der 34-Jährige den Text seiner Ansprache. Er improvisiert in noch etwas holprigem Deutsch. Das Publikum ist entzückt vom Charme des jungen Amerikaners, das Eis gebrochen. Neumeier blieb. Heute ist er Ehrenbürger der Stadt und dienstältester Choreograf Deutschlands.

Dass sich viele seiner Werke mit religiösen Themen und großen Werken geistlicher Musik auseinandersetzen, hat auch biografische Gründe: John Neumeier ist katholisch. Seinem

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