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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2013
Wohin denn noch?
Abschied vom Wachstumswahn
Der Inhalt:

Stille Katastrophen

von Rebekka Sommer vom 08.03.2013
Nur jede zehnte Katastrophe findet den Weg in die Öffentlichkeit. Warum? Fragen an den Rot-Kreuz-Experten Christof Johnen

Herr Johnen, was ist eine Katastrophe

Christof Johnen: Die geeignetste Definition scheint mir die der UN zu sein. Sie geht nicht von bestimmten Opferzahlen aus, sondern beschreibt ein Ungleichgewicht, das nach einer Krise oder einem Unglück vorherrscht: Wenn die Differenz zwischen den vorhandenen Fähigkeiten und Ressourcen und dem, was tatsächlich getan werden müsste, so groß ist, dass eine Gesellschaft längere Zeit nicht funktionieren kann, spricht man von einer Katastrophe.

Was war der Auslöser für die Kampagne »Stille Katastrophen«, die gerade startete?

Johnen: Das Rote Kreuz beobachtet seit Jahren, dass über bestimmte Katastrophen in den Medien überproportional berichtet wird – und dass andere, die teilweise dramatische Auswirkungen haben, keinen Weg in die Öffentlichkeit finden. 2011 gab es weltweit 363 Naturkatastrophen. Davon gerieten bestenfalls zehn Prozent in den öffentlichen Fokus. Dieses Phänomen war für uns der Anlass, gemeinsam mit der Europäischen Union diese Kampagne ins Leben zu rufen. Sie findet europaweit in elf Ländern statt.

Können Sie ein Beispiel geben?

Johnen: Ich erinnere mich gut an den Herbst 2008, das ist die typische Hurrikan-Saison in der Karibik. In Haiti kamen in diesem Jahr über 800 Menschen ums Leben. Das Rote Kreuz war mit einer Gesundheitsstation vor Ort. Doch das wurde von den westlichen Medien kaum beachtet. Erst als die Wirbelstürme an die Südküste der USA weiterzogen, wurden Bilder gezeigt – obwohl sie dort kaum Schaden anrichteten.

Weshalb ist es für manche Regionen so schwer, in die Berichterstattung zu gelangen?

Johnen: Für Haiti im Jahr 2008 lautete eine Begründung sicherlich, dass die Region innenpolitisch instabil und deshalb schwer zugänglich war. Westliche Medien sind mit ihren Korrespondenten dort wenig präsent, das erschwert die Berichterstattung. Aber auch Zentralasien beispielsweise erfährt generell wenig Aufmerksamkeit – wie etwa Tadschikistan, wo es immer wieder Überschwemmungen und Erdrutsche gibt.

Warum?

Johnen: Das sind Regionen, die geostrategisch zwar nicht unwichtig sind, aber politisch auch nicht im Fokus stehen. Im Fall der Sowjet-Nachf

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