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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2013
Wohin denn noch?
Abschied vom Wachstumswahn
Der Inhalt:

Die Muttermaschine

von Brigitte Neumann vom 08.03.2013
Die italienische Malerin und Videokünstlerin Paola Gandolfi konzentriert sich fast ausschließlich auf die weiblichste und zugleich mächtigste unter allen Frauenfiguren

Dort, wo in der Antike Gladiatoren gegen Löwen kämpften, pulsiert jetzt das Geschlecht einer Gigantin. In grellem Rosa füllt es die Arena des Kolosseums aus, pocht, bebt und lebt. Solche Sachen macht Paola Gandolfi. Und lässt dabei offen, ob die rosa Vulva in Gefangenschaft geraten ist oder ob sie den Laden übernommen hat. Die nächste Sequenz des Kurzfilms zeigt, wie eine junge, ein wenig wölfisch wirkende Frau aus dem Bauch der Stadt Rom kriecht. Ihre Beine lösen sich vom Körper, dann die Brüste, der Bauch, die Arme. Sie segeln über den Stadtplan und landen als leichenhaft weiße Amputationen auf einigen Wahrzeichen der ewigen Stadt.

Paola Gandolfis Video-Animation »Macchina Madre«, zu Deutsch: »Muttermaschine«, läuft auf einer Kunstschau in Rom. Ein extrem bunter Trickfilm, der aus symbolträchtigen Zeichnungen montiert ist und erzählt, wie es ist, die Welt einmal nur auf weibliche Weise zu sehen. »Ich bin Forscherin«, sagt Paola Gandolfi keck, greift sich in die spinnwebfeinen langen roten Haare und steckt sie mit einer Spange neu zusammen. »Erforscherin meiner Selbst und Ahnenforscherin.«

Ihre nächste Ahnin, sagt sie, heiße Louise Bourgeois (1911-2010). Die Französin ist bekannt für ihre Phallusbeete aus Marmor und Riesenspinnen mit der Bezeichnung »Maman«. Auch Bourgeois bezog sich in ihrer Arbeit auf die Erkenntnisse der Psychologie, wie jetzt Gandolfi, und nutzte ebenfalls den ganzen Fundus religiöser und antiker Mythen. Aber Paola Gandolfi konzentriert sich fast ausschließlich auf die weiblichste und zugleich mächtigste unter allen Frauenfiguren: die Mutter. Die kalte, die neidische, die leere Mutter, aber auch die fruchtbare, wohlwollende und nährende Mutter. Louise Bourgeois arbeitete selbstgenügsam und weitgehend unerkannt, bis sie mit 82 plötzlich zu Weltruhm kam. Paola Gandolfi ist auch erst halbwegs berühmt, aber sie ist ja auch erst 63.

63 und immer noch Probleme mit der Mutter? Natürlich kennt sie solche Fragen. Und die dazugehörige Unterstellung, dieses subjektive Frauenzeugs habe keine objektive Relevanz. Aber es ist andersherum: Ein Gewinn für die Allgemeinheit entsteht durch die Vertiefung in das eine Subjekt, diese eine Variante des Menschseins, die Aussagen über alle anderen machen kann.

Gandolfis erster Kurzfilm hieß zwar »La Recherche de ma mère«, »Die Suche nach meiner Mutter«. Aber es geht ihr stets ums Prinz

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