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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2012
Ich glaube
Der Konflikt um das Bekenntnis der Christen
Der Inhalt:

Der Schlüssel zum Mitgefühl

von Christian Modehn vom 04.05.2012
Die »Goldene Regel« gilt als eine universale Wahrheit. Sie reinigt den Verstand, bewegt das Herz, läutert den Geist. Sie macht den Menschen menschlich

Ein kurzer Spruch, zwar hübsch gereimt, kann doch so schlicht erscheinen, dass viele Leute ihn bestenfalls in Sonntagsreden ertragen können: »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Diese »Lebensweisheit« musste die ganze Klasse in der Schule, so erinnere ich mich, laut vorsprechen, »damit sie sich einprägt«. Schließlich handele es sich doch um die Goldene Regel. Und Gold sei ja nun besonders wertvoll. Dabei dachten wir, dieser Reimvers habe dasselbe Niveau wie »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr« oder »Es kommt immer alles anders, als man denkt«. Eben ein netter Spruch unter anderen. »Und genau das ist falsch«, betont heute die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong (London). »Die Goldene Regel ist der Schlüssel zum Mitgefühl. Und Mitgefühl ist wesentlich für unser Leben, befinden wir uns doch in einer gefährlich polarisierten Welt. Es gilt, eine Welt aufzubauen, in der Menschen in Respekt miteinander leben können. Deswegen sollen wir auch das Ethos der Goldenen Regel in die Tat umsetzen.« Für Karen Armstrong ist die Orientierung an der Goldenen Regel zwar anspruchsvoll, aber nicht kompliziert.

Sie hat sich als Religionswissenschaftlerin und Philosophin in den vergangenen Jahren intensiv mit dieser Lebensweisheit beschäftigt. 1944 in England geboren, war sie als junge Frau katholische Nonne; nach dem Austritt aus dem Orden hat sie u. a. als Professorin am Leo Baeck College zahlreiche Bücher veröffentlicht, zuletzt über »Die Achsenzeit. Vom Ursprung der Weltreligionen« oder ein »Plädoyer für Gott«. Für ihre Arbeiten hat sie viele Auszeichnungen erhalten. Die Goldene Regel, so Karen Armstrong, kann jeder Mensch anwenden, gerade weil sie so einfach ist: Es kommt nur darauf an, sich selbst kritisch zu befragen und in die Welt der eigenen Gefühle, des »Herzens«, zu blicken: Was lässt mich leiden? Welche seelischen und körperlichen Schmerzen will ich unter allen Umständen vermeiden? Die Goldene Regel vor Augen, muss ich die anderen Menschen respektieren. Entscheidend ist die Frage: Kann ich im Ernst den anderen das Negative und Belastende antun wollen, was mir selbst widerwärtig erscheint? So wird nicht nur mein Horizont geweitet. Karen Armstrong meint: »Es wird die enge Welt meines Ego gesprengt: Die Goldene Regel fordert uns auf, mit dem anderen Menschen zu fühlen. Wir nehmen uns selbst dann aus dem Mittelpunkt de

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