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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2011
Kein Gott, nirgends?
Stephen Hawkings Theo-Physik
Der Inhalt:

Essen oder lernen

von Annette Lübbers vom 29.04.2011
Ein Engel, der Toiletten putzt: Harriet Bruce-Annan (45) hat als Klofrau gearbeitet, um Kinder in Ghana zu unterstützen

Es gab Zeiten in meinem Leben, da wollte ich mich nur noch umbringen. Wenn das Geld nicht einmal fürs Essen reichte und ich darauf angewiesen war, dass mir meine Arbeitskollegen ein Butterbrot abgaben. In diesen dunklen Stunden kramte ich abends in meiner kleinen Wohnung die Briefe und Fotos »meiner« Kinder hervor. An ihren strahlenden Augen habe ich mich aufgerichtet. Abend für Abend habe ich das Trinkgeld auf meinem Tellerchen gezählt, die kleinen Münzen gesammelt und sie dann nach Ghana geschickt, damit die Kinder in Bukom – einem Armenviertel von Accra – zur Schule gehen konnten.

Als ich 1990 mit meinem damaligen Mann nach Deutschland kam, glaubte ich noch, das Leben hielte ein ganz anderes Schicksal für mich bereit. Als Computerprogrammiererin ging es mir in Accra gut. Ich wollte nicht nach Deutschland. Aber mein Mann lockte mich mit einem angeblichen Studienplatz in Düsseldorf, wo ich mich zur Systemanalytikerin weiterbilden könne. Also folgte ich ihm dann doch.

Er hatte einen Job beim englischen Militär, und eigentlich hätten wir hier ein schönes Leben haben können. Aber mein Mann wollte nicht, dass ich Deutsch lerne, ich sollte mich nicht weiterbilden. Wenn ich aufbegehrte, prügelte er auf mich ein. Zurück nach Ghana konnte ich auch nicht, denn mein Mann hatte mein Rückflugticket bereits verkauft. Von einer Nachbarin, die mich mitten in der Nacht bei sich versteckte, erfuhr ich, dass es in Deutschland sogenannte Frauenhäuser gibt. Dorthin flüchtete ich.

Am Anfang war es sehr schwer, auf eigenen Beinen zu stehen. Ein Studium konnte ich nicht bezahlen. In meinem Beruf konnte ich mich nicht bewerben. Also nahm ich einen Putzjob bei den Düsseldorfer Messen an. Oft stand ich kurz vor der Entlassung, weil ich die Anweisungen nicht verstand. Auf eigene Kosten habe ich dann einen achtmonatigen Sprachkurs gemacht. Damals hatte ich nur die Wahl: essen oder lernen. Ich habe mich fürs Lernen entschieden.

In meiner afrikanischen Heimat hatte ich ein schönes Leben. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen hatte ich eine gut bezahlte Arbeit bei einer deutschen Firma, und meine Familie lebte in einem guten Viertel. Aber wenn ich als Kleinkind meine Großmutter in dem Armenviertel Bukom besuchte, dann sah ich all die armen, halbnackten und chancenlosen Kinder. Ihr Elend brannte sich in meine Seele. Damals – als Kind – konnte ich nichts tun. Jetzt – in

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