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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2011
Kein Gott, nirgends?
Stephen Hawkings Theo-Physik
Der Inhalt:

DieKraftder Worte

von Doris Weber vom 29.04.2011
Wir können die Wunden nur heilen, uns versöhnen, wenn wir uns unsere Geschichte erzählen, wir können die Gräben nur zuschütten, wenn wir uns ein Gesicht geben. Erzählen ist etwas Heiliges, es stiftet Gemeinschaft unter den Menschen und macht sie zu Liebenden

Jeder Mensch hat eine Seele. Jeder Mensch hat eine Sprache. Jeder Mensch hat eine Geschichte. Erzählen Sie uns, dass Sie leben.« Mit diesen Worten wurden ältere Menschen zur Teilnahme an einer Schreibwerkstatt aufgefordert. »Was hab ich schon zu erzählen? Ich hab doch nichts zu sagen – und schon gar nichts zu schreiben«, wehrten die Frauen und Männer diese Einladung ab. »Komm, schreib doch«, drängten die Kinder und Enkelkinder, »du hast uns doch immer so viele Geschichten aus deinem Leben erzählt.« Und dann nahmen die älteren Menschen ein Blatt Papier und einen Stift und sie sammelten ihre Gefühle und Gedanken. Oft stockend noch im eigenen Staunen über das langsame Erwachen der Wörter aus einem jahrzehntelangen Schlaf.

In meiner Schublade schlummerte so viel von meinem Leben vor sich hin. Ich hole es jetzt raus, schrieb einer und:

Ich habe beim Schreiben meinen alten Schmerz von vor fünfzig Jahren berührt und viel geweint. Jetzt, nachdem ich meine Geschichte in Worte fassen konnte, ist mir leichter ums Herz, schrieb ein anderer. Und:

Beim Schreiben löste sich die Schwere auf meiner Seele, von Kindheit an war es ein Lebenstraum für mich zu schreiben, jetzt entdecke ich meine verschütteten Kräfte wieder in mir. Ich bin zu meinen Geschichten zurückgekehrt und damit auch in mein Leben …

»In jedem von uns liegt ein Schatz an Vorstellungskraft, diese Kraft schlummert oft wie betäubt im Verborgenen. Durch das Geschichtenerzählen kommen wir mit einer Stärke in Berührung, die wir möglicherweise vergessen haben, mit einer Weisheit, die vielleicht nachgelassen hat oder gar verschwunden ist, und mit Hoffnungen, die sich verdunkelt haben. Vor allem bekommen wir durch das Geschichtenerzählen so etwas wie Liebe und Mut zum Leben. Es ist wie ein Gebet, es kräftigt und stärkt uns«, so formulierte es die amerikanische Psychotherapeutin Nancy Mellon in ihren Erzähl-Workshops.

Ich möchte mit meinen Worten Bilder für dich malen – so könnte das Liebesgeständnis eines Erzählenden an den Hörenden lauten. Wer erzählt, übt Hingabe, Zuwendung. Er zeigt Dialogfähigkeit, sieht weg von sich selbst, blickt in die Augen des Gegenübers. Der Erzähler macht den Hörenden sehend. Erzählen stiftet Beziehung zwischen dem Ich und dem Du. Das lauschende Kind, das atemlos i

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