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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2011
Kein Gott, nirgends?
Stephen Hawkings Theo-Physik
Der Inhalt:

Aber Herr Baron ...

von Rudolf Von Waldenfels vom 29.04.2011
Warum wir uns so gerne verführen lassen und Lichtgestalten brauchen

»Herr Baron ...«

»Bitte nennen Sie mich nicht so.«

»Aber Herr Baron — Sie sind doch unser Herr Baron!«

»Ich bin einfach nur der Herr Waldenfels oder meinetwegen auch von Waldenfels. Aber bitte nennen Sie mich nicht Herr Baron.«

Diese Unterhaltung habe ich schon oft geführt. Ich lebe in Oberfranken, dem nördlichsten Teil von Bayern, der sich aufgrund seiner jahrzehntelangen Randlage — der Eiserne Vorhang begann direkt hinter dem Frankenwald — so manche durchaus auch liebenswerte Altertümlichkeit bewahrt hat. Hier haben viele Dörfer noch ihre eigene Brauerei; zu den sommerlichen Wiesenfesten schmücken sich die Mädchen mit selbstgeflochtenen Blumenkränzen; der Umgang miteinander ist verbindlicher als in den verstädterten Zonen unseres Landes; und ein Baron ist hier eben immer noch ein Baron.

Natürlich schmeichelt mir diese Anrede. Egal, welche Niederlagen mir das Leben bereitet, den Adelstitel kann mir weder das Finanzamt noch ein übelmeinender Rezensent nehmen. Aber eben weil ich mich selber kenne und weiß, wie leicht ich mir an solch süßem Gift den Magen verderbe, verwahre ich mich gegen den »Herrn Baron«.

Ob die charakterlichen Schwächen Karl-Theodor zu Guttenbergs, die sich in der Affäre um seine Doktorarbeit offenbart haben, mit seinem adeligen Aufwachsen hier in Oberfranken zu tun haben, kann nur er selber wissen. Bestimmt tut es keinem Kind gut, quasi von Geburt an über andere erhaben zu sein; doch fälscht natürlich nicht jeder Adelige seine Dissertation und ist das Aufblähen des eigenen Lebenslaufs nun wahrlich kein Alleinstellungsmerkmal oberfränkischer Freiherren.

Allerdings geht es in der sogenannten Plagiatsaffäre, so wie ich sie sehe, gar nicht so sehr nur um zu Guttenberg oder die Medien, die ihn in die Höhe geschrieben haben; es geht vor allem um uns, »das Publikum«, »das Wahlvolk«, »die Menschen da draußen im Land«, wie sich Politiker gerne ausdrücken. Wir sind es, die sich allzu gerne verführen lassen, ob nun durch zu Guttenberg oder einen Filmstar wie Angelina Jolie; wir sind es, die nach übermenschlichen Menschen rufen, nach Lichtgestalten und Halbgöttern. Wir bauen die Bühne auf, schalt

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