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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2020
Mahlzeit!
Mikroplastik – die allgegenwärtige Gefahr
Der Inhalt:

Geheimnisse im Archiv?

vom 28.02.2020
Nachgefragt: Papst Franziskus öffnet die Archive über die Amtszeit von Pius XII. Gut für das jüdisch-christliche Verhältnis? Fragen an den Historiker Johannes Heil

Publik-Forum: Herr Professor Heil, Sie erforschen die Geschichte des europäischen Judentums. Welche neuen Erkenntnisse erwarten Sie sich von der Öffnung der vatikanischen Archive?

Johannes Heil: Wir werden mehr erfahren über die vatikanischen Interna bis 1944, vielleicht auch zum Verlauf der Deportation der römischen Juden 1943. Ebenso erhoffe ich mir mehr Klarheit, ob der Schutz, der Flüchtenden von Klöstern und Kirchen gewährt wurde, zentral von Pius gelenkt war oder ganz vom individuellen Einsatz Einzelner abhing. Schließlich werden wir mehr über die Reflexionen und die Mythenbildung nach 1945 herausfinden, besonders mit Blick auf die Rolle des Vatikans bei der Fluchthilfe für Nazis und bei der Gründung des Staates Israel 1947/48. Man sollte diese Fragen nicht auf die Person des Papstes verengen, sondern auch andere Akteure in den Blick nehmen.

Inwiefern ist die Öffnung der Akten bedeutsam für das jüdisch-christliche Verhältnis?

Heil: Es ist ein großer Fortschritt. Die Erträge werden keine Diskussionen beenden, sie aber auf eine fundierte Basis stellen. Bei allen erfreulichen Entwicklungen im jüdisch-christlichen Verhältnis standen die ungeklärten Fragen um die Person Pius XII. immer im Hintergrund. Auf katholischer Seite gab und gibt es starke Kräfte, die ihn seligsprechen und damit in den Vordergrund rücken wollen. Warum? Das künftige Verhältnis von Juden und Christen wird wesentlich davon abhängen, wie mit den Ergebnissen der Aufarbeitung umgegangen wird, ganz gleich welche Deutungen sie zulassen werden. Jedenfalls sollte der Seligsprechungsprozess ruhen, bis die Arbeiten abgeschlossen sind. Mir stellt sich prinzipiell die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, sämtliche Päpste der jüngeren Zeit selig- oder heiligzusprechen. Das Aufgabenfeld eines Papstes ist ja extrem vielschichtig. Dies führt unausweichlich zu Widersprüchen.

Wie beurteilen Sie die Rolle von Pius XII.?

Heil: Mir scheint er ein Mann gewesen zu sein, der in den Vorstellungen der Vergangenheit geformt worden ist und von den extremen Herausforderungen seiner Zeit überfordert war. Spannend wird die Antwort auf die Frage sein, inwieweit alte antijudaistische Schemata sich im praktisc

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