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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2019
Sie herrschen mit Gott
Wie es zu sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Kirche kommt
Der Inhalt:

Sprengt die Systeme!

von Michael Schrom vom 22.02.2019
So politisch war die Berlinale selten: Großartige Filme zeigen, wie Menschen in gesellschaftliche Verhältnisse verstrickt sind, wie sie aufbegehren, rebellieren und leiden

Eine Szene in einem deutschen Kinderheim: Ein achtjähriges Mädchen schleudert in rasender Wut Bobbycars gegen eine Glastür. »Kann nichts passieren«, meint ein Erzieher trocken, der die Szene beobachtet. »Ist Sicherheitsglas«. Doch dann splittert die Scheibe trotzdem.

Eine Szene an einem Fluss in Mazedonien: Eine Frau springt ins Wasser und taucht nach einem Kreuz, das ein Pope von der Brücke geworfen hat. Weil das der Tradition nach nur Männer tun dürfen, wird die Frau auf die Polizeiwache gebracht. Während draußen ein aufgebrachter Mob tobt, versuchen drinnen der Pope, der Kommissar und der Staatsanwalt vergeblich, einen Straftatbestand zu konstruieren. Als die Frau schließlich die Wache verlassen darf, muss sie sich ihren Weg durch Neuschnee bahnen, der die karge Landschaft überzuckert hat.

Eine Szene in einer Fabrik in Peking: Ein Arbeiterehepaar wird von der Vorarbeiterin zur Abtreibung genötigt. Der Mann und die Frau haben gegen die nationale Ein-Kind-Politik verstoßen. Durch tragische Umstände verlieren sie später auch ihr erstes Kind und schließlich ihren Job. Sie ziehen in den Süden des Landes, während die Familie der Vorarbeiterin zur neuen Oberschicht aufsteigt. Nach dreißig Jahren kommt es zu einem Wiedersehen. Kann Versöhnung gelingen?

Diese drei Szenen stammen aus den herausragenden Filmen »Systemsprenger« von Nora Fingscheidt, »God exists, her name is Petrunija« von Teona Mitevska und »So long, my son« von Wang Xiaoshuai. Wer diese Filme auf der diesjährigen Berlinale gesehen hat, wird sie so schnell nicht vergessen. Sie zeigen das Leben ihrer Protagonistinnen in Systemen, gegen die sie rebellieren, in denen sie gefangen sind oder an denen sie leiden. Diese Filme interpretierten nicht nur das Motto der diesjährigen Berlinale – das Private ist politisch –, sondern machten auch deutlich, was ein internationales Filmfestival leisten kann, wenn es nicht nur den Glamourfaktor bedienen will und klug zusammengestellt ist: Empathie einüben, aufklären, Haltung entwickeln.

Leider konnte man das nicht von allen Filmen behaupten. So erhielt der Streit, ob der Wettbewerb nicht gestrafft werden müsse, auch in diesem Jahr neue Nahrung. Da es jedoch die letzte Berlinale unter der Verantwortung von Dieter Kosslick war, der frenetisch gefeiert und tränenreich verabschiedet wurde, blieb der Tonfall der Kritik gemäßigt. Unbestritten ist, dass Ko

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